Programm2015

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) | 15. September | Dienstag | 20 Uhr | Lipsius-Bau der SKD (Brühlsche Terrasse) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/5 Euro

Die aus Georgien stammende, auf Deutsch schreibende Autorin Nino Haratischwili präsentiert ihren historischen Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“. Es ist ein Epos mit klassischer Wucht und großer Welthaltigkeit, ein mitreißender Familienroman, der mit hoher Emotionalität über die Spanne des 20. Jahrhunderts bildhaft und eindringlich, dabei zärtlich und fantasievoll acht außergewöhnliche Schicksale in die georgisch-russischen Kriegs- und Revolutionswirren einbindet. Die Autorin liest und spricht über ihr Buch mit Sonja Vandenrath.

Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemberaubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen … Deutschland, 2006: Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR herrscht in Georgien Bürgerkrieg. Niza, Stasias hochintelligente Urenkelin, hat mit ihrer Familie gebrochen und ist nach Berlin ausgewandert. Als ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Tbilissi zurückkehren möchte, spürt Niza sie auf. Ihr wird sie die ganze Geschichte erzählen: von Stasia, die still den Zeiten trotzt, von Christine, die für ihre Schönheit einen hohen Preis zahlt, von Kitty, der alles genommen wird und die doch in London eine Stimme findet, von Kostja, der den Verlockungen der Macht verfällt und die Geschicke seiner Familie lenkt, von Kostjas rebellischer Tochter Elene und deren Töchtern Daria und Niza und von der Heißen Schokolade nach der Geheimrezeptur des Schokoladenfabrikanten, die für sechs Generationen Rettung und Unglück zugleich bereithält.

Pressestimmen: „Mit ihrer Familiensaga entzückt Nino Haratischwili nicht nur Kritiker, sondern auch Historiker, weil sie so akribisch recherchiert und so packend erzählt.“ (Max Moor in ARD – Titel, Thesen, Temperamente); „Nino Haratischwili hat die europäische Geschichte als Familiengeschichte neu erzählt.“ (Volker Weidermann, FAZ)

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Camus – Philosoph des Absurden. Iris Radisch über Leben und Werk von Albert Camus | 16. September | Mittwoch | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum (Lingnerplatz 1) | Vorverkauf und Abendkasse: 9/5 Euro

„Das Ideal der Einfachheit“ ist vielleicht eine der besten Biographien über Albert Camus, auf jeden Fall ist es die persönlichste: Kunstvoll komponiert wie ein kubistisches Bild, voller Empathie geschrieben, jedoch ohne das Leben des großen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers zu verklären, umreißt Iris Radisch, die Literaturredakteurin der „ZEIT“, in einer wunderbaren Sprache die Lebensgeschichte des „Philosophen des Absurden“.

Zum diesjährigen Motto „Neue Welten“ des Festivals „Literatur Jetzt!“ passt bestens das „mittelmeerische Denken“ von Camus, welches die einfachen und unmittelbaren Freuden dem Prinzip Befriedigungsaufschub, das die westliche Welt in Gang hält, gegenüberstellt. Geschicklichkeit, Schlauheit, Berechnung und List stellten für dieses Denken Todsünden dar – der Mensch sollte vielmehr nach Unschuld, Naivität, Schlichtheit und Redlichkeit trachten. In Ideen wie jener einer „Mittelmeerunion“ des italienischen Philosophen Giorgio Agamben lebt diese vom „Ideal der Einfachheit“ geprägte Philosophie bis heute fort – und richtet sich nebenbei auch gegen die von Deutschland propagierte Austeritätspolitik gegenüber verschuldeten Ländern wie etwa Griechenland. Was würde Camus heute dazu sagen? Iris Radischs mit Temperament und Eleganz geschriebene Biographie zieht einen sofort in den Bann. Nach dem Krieg war Albert Camus einer der ersten entschiedenen Europäer ebenso wie ein Kritiker der Wachstumsideologie. Radischs Buch ist weit mehr als nur eine Biographie. Es taugt dazu, die Gegenwart an den gescheiterten Idealen des Dichters Camus zu messen.

Die Lesung ist eine Kooperation des Festivals „Literatur Jetzt!“ mit dem Deutschen Hygiene-Museum. Die Moderation des Abends übernimmt der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer.

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Westbam: Die Macht der Nacht | 16. September | Mittwoch | 20 Uhr | scheune (Alaunstraße 36-40) | Vorverkauf: 12/8 Euro, Abendkasse 15/10 Euro

Westbam, einer der bekanntesten DJs der Welt, präsentiert seine Autobiografie „Die Macht der Nacht“ mit den letzten Wahrheiten über House, Techno und den ganzen Wahnsinn der Szene. Die Nächte beginnen oft im Morgengrauen – mitten in der Pampa am anderen Ende der Welt oder in einem Club einer angesagten Metropole. Gefeiert und getanzt wird tagelang, das ganze Leben ist eine endlose Party: laute Musik, viel Alkohol, Drogen und Sex. Mittendrin DJ Number One, Westbam, Partymacher und Philosoph der Dance-Kultur, Herrscher an den Turntables. Hier erzählt er erstmals seine verrücktesten Geschichten: wie alles begann nach der Wende in Berlin, von wilden After-Hour-Gigs im Rheinland, von Raves auf der Rennstrecke in Sao Paulo oder in Bogota vor dem Cali-Kartell. Von verpeilten Veranstaltern, verrückten Groupies und größenwahnsinnigen Szenegestalten. Ein Sittengemälde des Nachtlebens vom Ende der Achtziger bis heute.

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Nacht der Lesebühnen: Paul Bokowski, Kirsten Fuchs, Roman Israel und Volker Strübing | 17. September | Donnerstag | 20 Uhr | scheune (Alaunstraße 36-40) | Vorverkauf: 7/5 Euro, Abendkasse 8/6 Euro

Zur „Nacht der Lesebühnen“ präsentiert das Festival „Literatur Jetzt!“ zum inzwischen siebten Mal vier herausragende Vertreter der komischen und satirischen Literatur. Passend zum diesjährigen Thema „Neue Welten“ werden sie diesmal in ihren Geschichten in fremde und fantastische Welten vorstoßen und sich den großen Fragen der Zukunft widmen – aber gewiss nicht ohne Witz und Ironie. Mit dabei sind eine Autorin und drei Autoren von verschiedenen deutschen Lesebühnen: Paul Bokowski, Kirsten Fuchs, Roman Israel und Volker Strübing.

Paul Bokowski liest bei den Berliner Lesebühnen „Brauseboys“ und „Fuchs & Söhne“. In seinen hochkomischen Geschichten erzählt er gerne aus dem Leben in Berlin, spürt aber auch seinen polnischen Wurzeln nach. Sein Buch „Hauptsache nichts mit Menschen“ wurde zum Bestseller, jüngst erschien seine neue Geschichtensammlung „Alleine ist man weniger zusammen“ bei Manhattan. Kirsten Fuchs war Autorin zahlreicher Berliner Lesebühnen, zurzeit leiht sie der Lesebühne „Fuchs & Söhne“ sogar ihren Namen. Mit ihren Geschichten und Romanen über die Wirrnisse des Alltags und der Leidenschaft hat sie eine große Fangemeinde gewonnen. Regelmäßig veröffentlicht sie zurzeit Texte in „Das Magazin“, ihr jüngster Roman „Mädchenmeute“ wurde auch von der Kritik sehr gelobt. Roman Israel ist Gründungsmitglied der Dresdner Lesebühne „Sax Royal“, lebt inzwischen aber in Leipzig, wo er auch bei der „Lesebühne West“ liest. Seine Gedichte und Geschichten zeichnen sich durch genaue Beobachtung und abgründigen, grotesken Humor aus. Sein erster Roman „Caiman und Drache“ erschien 2014 und fand ein positives Echo. Volker Strübing aus Berlin war nicht nur lange Jahre Autor der Lesebühnen „LSD“ und „Chaussee der Enthusiasten“, sondern auch auf den Bühnen des Poetry Slam erfolgreich, wo er mehrere Meistertitel erringen konnte. Unter seinen zahlreichen Büchern befindet sich auch der komische Science-Fiction-Roman „Das Paradies am Rande der Stadt“.

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Lyrik ist Happening. Poetry Jam mit Anne Munka, Andre Rudolph, Rike Scheffler  | 18. September | Freitag | 20 Uhr | Zentralwerk (Riesaer Str. 32) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/6 Euro

In der umtriebigen deutschen Lyrikszene gibt es seit einiger Zeit zwei neue Trends: die Wiederentdeckung der Performance und die Öffnung des Genres zur Musik. Das von der Leipziger Musikerin Anne Munka erdachte und in Dresden längst etablierte Format „Lyrik ist Happening“ ist ein schönes Beispiel für diese neuen poetischen Welten – und interpretiert die enge Verwandtschaft von Gedicht und Gesang auf ganz eigene Art und Weise. Beim Lyrik Jam gestalten die beiden Lyriker Andre Rudolph (Leipzig, luxbooks) und Rike Scheffler (Berlin, kookbooks) zusammen mit Anne Munka und den Klangkünstlern Clemens Litschko (Drums) und Robert Lucaciu (Bass) Gedichte zu Hör- und Schaustücken. Dabei beziehen sie auch die besondere Atmosphäre des Ortes und das Publikum mit ein. Statt der klassischen Lesung ist im Zentralwerk ein Format zu erleben, bei dem die Interaktion von Literatur und Musik sowie Künstlern und Zuhörern im Mittelpunkt steht.

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Heike Geißler: Saisonarbeit | 19. September | Sonnabend | 19:30 Uhr | Zentralwerk (Riesaer Str. 32) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/6 Euro (Kombiticket mit Lesung von Anke Stelling: 10/6 Euro)

Die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler präsentiert beim Festival „Literatur Jetzt!“ ihr Buch „Saisonarbeit“, einen literarischen Erlebnisbericht aus der schönen neuen Arbeitswelt. Saisonkraft bei „Amazon“ – für die Autorin und Übersetzerin in Geldnot ist es ein Moment der Misere, für alle anderen ein literarischer Glücksfall. Denn was in den Wochen vor Weihnachten entsteht, ist vieles zugleich: Ein Erfahrungsbericht, der ebenso persönlich wie politisch ist. Kritik an den Verhältnissen mit den Mitteln der Selbstironie. Der Blick in eine Halle, die von der Außenwelt abgeschottet ist und gerade deshalb viel über sie verrät. In „Saisonarbeit“ geht es um Empfindlichkeit und das Politische des Empfindlichen. Es geht um die Arbeit bei „Amazon“ und darum, dass mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist. Nicht zuletzt auch um Bücher und was sie uns bedeuten können.

Pressestimmen: „Dieses Buch hat Kraft, es packt den Leser, denn es ist engagiert geschrieben, so engagiert wie lange keines mehr.“ (Rheinische Post); „Ein wichtiges Buch und ein im Innersten schönes.“ (Leipziger Volkszeitung)

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Anke Stelling: Bodentiefe Fenster | 19. September | Sonnabend | 21 Uhr | Zentralwerk (Riesaer Str. 32) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/6 Euro (Kombiticket mit Lesung von Heike Geißler: 10/6 Euro)

Anke Stelling liest zum Festival „Literatur Jetzt!“ aus ihrem aktuellen Roman „Bodentiefe Fenster“ (Verbrecher Verlag). Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern – das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein –, und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen. Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig. Am Ende von Anke Stellings Roman, der in schöner Sprache Bitterböses erzählt, geht es ins Müttergenesungswerk: „Damit Mama wieder lacht.“ Bodentiefe Fenster – bodenlose Gegenwart. Die Lesung moderiert Matthias Teiting.

Der Roman „Bodentiefe Fenster“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.

Pressestimmen: „Dank des unerbittlichen Blicks und trockenen Humors der Autorin hält der Roman wunderbar die Balance zwischen Erschrecken und Vergnügen. Gegenwartsliteratur im buchstäblichen und besten Sinn.“ (MDR Figaro); „Was Bodentiefe Fenster zu einem herausragenden Buch macht, ist die Weise, wie hier eine Erzählstimme versucht, zu einem anderen Sprechen und damit einer neuen Form von Identität und Gemeinschaft zu gelangen.“ (ZEIT Online)

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Daniel Defoe: „Libertalia – die utopische Piratenrepublik“. Lesung und Gespräch mit Herausgeber Helge Meves | 20. September | Sonntag | 20 Uhr | Kunsthaus Dresden (Rähnitzgasse 8) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/6 Euro

Helge Meves liest zum Festival „Literatur Jetzt!“ aus dem von ihm herausgegebenen Buch „Libertalia. Die utopische Piratenrepublik“ und diskutiert über Piratenromantik und Piratenutopien mit Moderator Michael Bittner. Jeder kennt die Welt der Piraten als abenteuerliches Universum aus Holzbein, Säbelkampf und Totenkopfflagge – verwegene Gestalten schillernd zwischen edlen Helden und brutalen Räubern. Doch nur wenige wissen, dass viele Seeräuber fortschrittliche Vorstellungen hatten. Diese spiegeln sich auch in Daniel Defoes 1728 erschienen Bericht über die Piratenrepublik „Libertalia“ auf Madagaskar wider. Defoe schildert die Geschichte des abenteuerlustigen Edelmanns Misson aus Frankreich und des desillusionierten italienischen Priester Caraccioli, die mit dem englischen Piraten Tew eine auf Toleranz, gerechter Verteilung von Besitz und radikaler Demokratie beruhende Piratenbruderschaft gründen. Zusammen befreien sie Sklaven aus der Gefangenschaft und bauen sie sich mit Seeleuten, Madegassen und Migranten aus aller Welt eine alternative Gesellschaft inmitten der Zeit der Glaubenskriege, des grandiosen Beutekapitalismus, der sogenannten ursprünglichen Akkumulation – und weit hinausweisend über die Fortschritte, die mit der amerikanischen und französischen Revolution fast hundert Jahre später erreicht wurden.

Pressestimmen: „eine Kostbarkeit“ (Bayrischer Rundfunk), „Ein Buch wie eine Schatzkiste voll glänzender Perlen der Erkenntnis.“ (mare), „Eine wunderbare Ausgrabung, eine tolle Story, ein sehr gutes piratenkundiges Nachwort.“ (Hessischer Rundfunk)