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„Literatur Jetzt!“ 2013: Ein Resümee

Zum fünften Mal fand vom 17. bis 22. September 2013 „Literatur Jetzt!“, das Dresdner „Festival zeitgenössischer Literatur“ statt. Es wurde wieder vom livelyriX e.V. in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern organisiert und von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden und der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank gefördert. Insgesamt etwa 800 Zuschauer besuchten die sieben Veranstaltungen des Festivals, an dem fast 30 zeitgenössische Autoren mitwirkten. Die Programmgestaltung und Organisation lag wieder in den Händen von Leif Greinus (Verlag Voland & Quist), Helge Pfannenschmidt (edition AZUR), Volker Sielaff (Autor) und Michael Bittner (Autor). Die sechste Ausgabe von „Literatur Jetzt!“ wird vom 16. bis 21. September 2014 stattfinden.

Passend zum diesjährigen Motto „Leben im Überfluss“ wurde das Festival am Dienstag (17.09.) mit einer Diskussion zwischen dem Wachstumskritiker Niko Paech und dem liberalen Philosophen Sascha Tamm in der Schauburg eröffnet. In einem kurzen Vortrag vertrat Niko Paech die These, dass die Grenzen des Wachstums auch durch sogenannte grüne Technologien nicht überwindbar seien. Nur eine tatsächliche Reduktion von Produktion und Arbeitszeit könne Probleme wie den Ressourcenschwund und den Klimawandel lösen. Eine entschleunigte Gesellschaft jenseits des Konsumzwangs fördere gleichzeitig auch das Glück und die psychsische Gesundheit der Menschen. Sascha Tamm entgegnete mit dem Hinweis auf die Gefahren von Ideologien der Menschheitsbeglückung und betonte den Wert der individuellen Freiheit, den eigenen Lebensstil selbst bestimmen zu können. Eine interessante Debatte um Freiheit und Verantwortung entspann sich, Moderator Jörg Stübing streute Zweifel auf beiden Seiten und auch einige der über 150 Zuhörer meldeten sich zu Wort.

Am Mittwoch (18.09.) präsentierte sich in der inzwischen schon traditionellen Reihe „Nacht der Lesebühnen“ die komische und satirische Literatur in der Groove Station. Drei Autoren und eine Autorin von verschiedenen Lesebühnen fochten den Kampf zwischen Hedonismus und Nachhaltigkeit mit literarischen Mitteln aus. Etwa 70 Gäste waren dabei. Sebastian Lehmann entführte die Zuhörer in die postironische Welt der großstädtischen Bohème. Dan Richter bekannte sich in seinen Geschichten als „Besserossi“, notorischer Selbstverletzer und Freund der eigenmächtigen Enteignung anderer. Anke Fuchs spürte in ihren poetischen Texten der Lust am Abgrund nach und berichtete davon, dass selbst eine Nacht an der Küste die Jugend nicht zurückbringt. Und Konrad Endler begeisterte mit literarischem Anarchismus und versetzte sich musikalisch in ein Insekt und in die Südsee.

Am Donnerstag (19.09.) folgte ein Abend der Poesie mit drei lyrischen Stimmen unter dem Titel „Danke für die Notbeleuchtung der Sterne morgens“ im Stadtmuseum Dresden vor über 50 Zuhörern. Elke Erb las aus ihrem neuen Band „Das Hündle kam weiter auf drein“, der aus Anlass der Verleihung des Ernst-Jandl-Preises an sie in der Reihe roughbooks von Urs Engeler herausgegeben wurde. Brigitte Struzyk stellte ihren neuen Gedichtband „Alles offen“ vor (fixpoetry Verlag) und Ulrich Koch las aus „Uhren zogen mich auf“ (Verlag poetenladen, Leipzig) sowie noch unveröffentlichte Gedichte. Die Moderatorin des Abends, die Dresdner Autorin Undine Materni, stellte dabei alle drei Autoren auf sehr persönliche Weise dem Publikum vor.

Am Freitag (20.09.) feierte der livelyriX Poetry Slam vor über 300 Zuschauern in der fast ausverkauften scheune seinen 10. Geburtstag. Die Poetinnen und Poeten Julius Fischer, Wehwalt Koslovsky, Xochil A. Schütz, Micha Ebeling, Mareike Schneider und Max Rademann präsentierten Gedichte und Geschichten aus den letzten Jahren, aber auch eigens für den Abend verfasste Jubiläumstexte. Auch die Moderatoren des Dichterwettstreits, Michael Bittner und Stefan Seyfarth, ließen es sich diesmal nicht nehmen, sich zugleich als Autoren auf der Bühne zu präsentieren. Diverse Anekdoten und eine fotografische „Wall of Fame“ gaben den Zuschauern zudem ein Bild von der Geschichte des ersten regelmäßigen Dresdner Poetry Slams. Am Ende gab es ausnahmsweise nicht nur einen, sondern gleich acht Sieger des Abends.

Am Sonnabend (21.09.) präsentierte der Herausgeber Chris Hirte gemeinsam mit dem Schauspieler Thomas Loibl seine Ausgabe der Tagebücher des Anarchisten, Lebenskünstlers und Dichters Erich Mühsam in der Schauburg. Chris Hirte stellte nicht nur die Biografie Mühsams vor, sondern erläuerte auch die komplizierte Geschichte des Nachlasses und den mühevollen, aber letztlich erfolgreichen Weg seiner Edition. Thomas Loibl las zugleich ausdrucksstark und subtil aus den Tagebüchern, in denen Mühsam sich als Chronist der Bohème, aber auch als kritischer Zeitanalytiker zeigt. Am Ende war allen Zuhörern klar: Diese Tagebücher zählen zu den großen Werken der deutschen Literatur.

Am Sonntag (22.09.) erlebte eine ganz neuartige Veranstaltung in Dresden ihre Premiere – passend zum Thema des Festivals „Leben im Überfluss“: Die Frühschoppen-Lesung, erfunden von der Leipziger Galerie ARTAe und dem Berliner Künstler, Musiker, Schriftsteller, Philosophen und Universalhumoristen Thomas Kapielski. Zweiter literarischer Gast war dabei Jürgen Roth, der Autor des Standardwerkes „Die Poesie des Bieres“. Thomas Kapielski las Miniaturen aus seinem Band „Ortskunde“, Jürgen Roth kämpfte in seinen Geschichten gegen alle Feinde des Genusses, insbesondere des Bieres. Mit solchem vergnügten sich auch die etwa 50 Gäste während und nach der höchst amüsanten Lesung. Am Sonntagabend endete das Festival „Literatur Jetzt!“ 2013 schließlich mit dem Film „Michael Hamburger. Ein englischer Dichter aus Deutschland“ im Kino Thalia. Der Film zeigte den Dichter auch als passionierten Gärtner, Regisseur Frank Wierke gab Auskunft zur Entstehung seines Werks.