Donnerstag, 18. September: „Nacht der Lesebühnen“ mit Ahne, Linn Penelope Micklitz, Udo Tiffert und Heiko Werning

Zur “Nacht der Lesebühnen” lädt das Festival “Literatur Jetzt!” zum inzwischen sechsten Mal vier der besten Autorinnen und Autoren der deutschen Lesebühnen-Szene ein, die in Dresden gemeinsam einige ihrer schönsten und lustigsten Geschichten präsentieren. Das Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto “Zorn”. Die Autoren werden den Beweis antreten, dass Zorn durchaus nicht moralinsauer daherkommen muss, sondern sich auch ins Gewand von Witz und Ironie kleiden kann. Mit dabei sind drei Autoren und eine Autorin von vier verschiedenen Lesebühnen: Ahne, Linn Penelope Micklitz, Udo Tiffert und Heiko Werning.

Ahne aus Berlin ist Urgestein der Welt der Lesebühnen. Er liest bei der “Reformbühne Heim & Welt”, hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und ist nicht zuletzt bekannt als Autor der legendären “Zwiegespräche mit Gott”. Aus Leipzig kommt die junge Autorin Linn Penelope Micklitz.  Sie liest in ihrer Heimatstadt bei der “Lesebühne West”. Als erstes Buch hat sie vor einer Weile das irische Reisetagebuch “Kann man ja mal machen” veröffentlicht. Udo Tiffert lebt in Neusorge in der Oberlausitz. Er ist Autor bei der Görlitzer Lesebühne “Grubenhund”, der “Lesebühne Cottbus” und der Dresdner Lesebühne “Die silbernen Reiter”. Auch er hat zahlreiche Bände mit Gedichten und Geschichten herausgebracht. Heiko Werning aus Berlin hat sich als Satiriker und Mitarbeiter der “Titanic” einen Namen gemacht. Er liest in Berlin regelmäßig bei den Lesebühnen “Reformbühne Heim & Welt” und “Brauseboys”. Zuletzt erschien sein Heimatbuch “Im wilden Wedding”.

Nacht der Lesebühnen: Ahne, Heiko Werning, Udo Tiffert, Linn Penelope Micklitz | 18.09. | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5 Euro ermäßigt / 7 Euro

Mittwoch, 17. September: „Lyriknacht“ mit Thomas Kunst, Tom Schulz und Me and Oceans

Die Lyriknacht zum Festival “Literatur Jetzt!”: Wo der Zorn sich entlädt, ist die Liebe nicht weit – und umgekehrt. Thomas Kunst aus Leipzig ist der Sehnsuchtsdichter unter den zeitgenössischen Lyrikern. Seit mehr als 20 Jahren schreibt er Gedichte übe die Liebe: ihren euphorischen Beginn und ihr oft hässliches Ende. Dieser Kosmos ist ganz ausgefüllt mit Hingabe, hier ist kein Platz für ein Vielleicht – nur ein Wimpernschlag liegt zwischen “Ich werde so lange mit dir am Strand spazieren gehen / bis du mich liebst” und “Melde dich erst wieder, wenn du stirbst”. Begleitet wird er von Fabian Schuetze aka Me and Oceans – einem Leipziger Musiker, der mit seinem Debütalbum “The Bay” für Aufsehen sorgte. Er stellt Thomas Kunsts Gedichten dunkel funkelnde Popminiaturen zur Seite. 2014 ist er erstmals mit deutschen Texten unterwegs. Der Dritte im Bunde ist Tom Schulz aus Berlin. Seine beiden im Berlin Verlag erschienenen Bände “Kanon vor dem Verschwinden” und “Innere Musik” wollen von faden Gewissheiten nichts wissen. Diesen setzt er Gedichte entgegen, die von Unbedingtheit, Wildheit und verrücktem Pathos aufgeladen sind.

Lyriknacht: Thomas Kunst, Tom Schulz und Me and Oceans | 17.09. | Mittwoch | 20 Uhr | Jazzclub Tonne | Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5 Euro ermäßigt / 7 Euro

Dienstag, 16. September: Katja Lange-Müller und Aris Fioretos

Das Festival “Literatur Jetzt!” präsentiert in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden im Rahmen der Ausstellung “Das neue Deutschland” Aris Fioretos und Katja Lange-Müller. Der schwedische Schriftsteller griechisch-österreichischer Abstammung und die Berliner Autorin mit deutsch-deutschem Migrationshintergrund in Lesung und Gespräch über Muttersprachen, den “ausländischen Vater” und Wörter, die in alle Sprachen “einwandern”.

Katja Lange-Müller, 1951 in Ostberlin geboren, zählt zu den sprachmächtigsten Autorinnen der Gegenwartsliteratur. Mit feinsinnig-bitterem Sprachwitz erzählt sie von den Dramen des Alltags in all ihrer Komplexität. Für ihre Werke wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2013 mit dem Kleist-Preis. In Dresden liest sie aus der Erzählung “Mauli und Pauli” und aus dem noch unveröffentlichten Roman “Drehtür”.

Seine Heimat sei sein Schreibtisch, den er wie einen fliegenden Teppich mit vier Beinen überallhin mitnähme, sagt der 1960 in Göteborg geborene Aris Fioretos. Seine Gefühlswelt teilt sich zwischen der schwedischen, der deutschsprachigen und der griechischen Kultur, was sich auch in seinen Romanen und Essays wiederspiegelt. Auf Deutsch erschienen u. a. “Die Seelensucherin” (2000), “Der letzte Grieche” (2011) und zuletzt 2013 der biografisch gefärbte Prosaband “Die halbe Sonne” sowie “Verabredungen”, eine Sammlung von Gesprächen zwischen ihm und Durs Grünbein.

Katja Lange-Müller und Aris Fioretos | 16.09. | Dienstag | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum | Abendkasse: 3 Euro ermäßigt / 7 Euro

Donnerstag, 11. September: Eröffnung „KafKa in KomiKs“ mit Jaroslav Rudiš und Jaromír 99

Am 11. September beginnt das Festival „Literatur Jetzt!“ mit der Eröffnung der Ausstellung „K: KafKa in KomiKs“ in der Neustädter Markthalle. Der Autor Jaroslav Rudiš und der Künstler Jaromír 99 reden über Franz Kafka, seinen Zorn und die Komiks-Ausstellung. Beide sind Mitglieder der in Tschechien sehr bekannten „Kafka-Band“ und werden auch noch unplugged ein Konzert geben. Der Eintritt ist frei!

Drei Bücher bilden die Grundlage für die Austellung „K: KafKa in KomiKs“, die – kuratiert von David Zane Mairowitz und Malgorzata Zerwe – nun erstmals im Rahmen des Festivals “Literatur Jetzt!” in Dresden gezeigt wird: Bereits 1992 portraitierte der Hörspiel- und Comicautor David Zane Mairowitz gemeinsam mit Robert Crumb, dem Pionier des amerikanischen Underground-Comics, Kafka in dem Band „Introducing Kafka“ (dt. Neuauflage Reprodukt Berlin 2013), der schnell zum Kultbuch wurde. 2008 folgte „Der Prozess“ in Zusammenarbeit mit der französischen Zeichnerin Chantal Montellier. Anfang letzten Jahres hat Mairowitz nun mit dem tschechischen Musiker und Zeichner Jaromír 99 „Das Schloss“ in einem Comic adaptiert, das Anfang 2014 auf Deutsch im Münchner Knesebeck Verlag erschienen ist. In der Ausstellung werden die drei sehr unterschiedlichen Kafka-Zeichner zusammengeführt. Die Mehrdeutigkeit und Plastizität von Kafkas Werk, das Zusammenschmelzen von Realität, Visionen und Alpträumen wird in den Kontext einer Ausstellung überführt – ein facettenreiches und zwiespältiges Bild von Franz Kafka ist dabei entstanden. „K: KafKa in KomiKs“ wurde vom Literaturhaus Stuttgart entwickelt. Für die Ausstellungsgestaltung erhielt die Grafikagentur Gold & Wirtschaftswunder den European Design Award in Gold.

Ausstellung: „K: KafKa in KomiKs“ – Eröffnung mit Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 | 11.09. | Donnerstag | 18 Uhr | Ausstellung 11.09. bis 20.09. | 10-19 Uhr | Neustädter Markthalle | Eintritt frei

„Literatur Jetzt!“ – „Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur“ vom 11. bis 21. September 2014

Vom 11. bis 21. September 2014 findet unter dem Titel „Literatur Jetzt!“ zum sechsten Mal das „Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur“ statt. Unser Ziel bleibt es, die Literatur in der Dresdner Öffentlichkeit präsenter zu machen und dabei die Grenzen zwischen sogenannter literarischer Subkultur und etablierter Hochkultur einzureißen.

Zum zweiten Mal widmet sich „Literatur Jetzt!“ im Jahr 2014 dabei einem besonderen Thema von aktueller Relevanz: „Zorn“ wird das Motto des Festivals sein. Am Anfang war der Zorn – zumindest wenn man Peter Sloterdijk folgt, für den die europäische Überlieferung mit der „Ilias“ beginnt. Und deren erster Vers lautet: „Den Zorn besinge, Göttin, des Achilles, des Peleussohns.“ Von hier aus zieht sich der Affekt, der keinen Widerspruch duldet, wie ein roter Faden durch die Literatur- und Kulturgeschichte: von Martin Luther über Knut Hamsun bis zu Thomas Bernhards rhetorischer Raserei; von der Apokalypse des Neuen Testaments bis zu den revolutionären Bewegungen der Neuzeit. Wegen seiner zerstörerischen Energie zählte der Zorn im Mittelalter zu den Todsünden – doch er hatte zweifellos auch immer eine produktive, reinigende Wirkung. Er sorgt für klare Verhältnisse und setzt ungekannte Kräfte frei.  Wir fragen uns: Wo wohnt der Zorn heute, im Zeitalter der weitgehend domestizierten Affekte? Auf gutbürgerlichen Demonstrationen gegen Bahnhöfe und Stromtrassen? Auf den Fluren der Arbeitsämter? Im Furor enttäuschter Liebender? Oder ist er uns – ohne dass wir es in unserer watteweichen Konsenswelt bemerkt hätten – am Ende ganz verloren gegangen? Im Rest von Europa jedenfalls scheint gerade eine neue Unversöhnlichkeit Raum zu gewinnen, die gegnerischen Demonstranten sind sich einig nur in der Berufung auf ein Gefühl: den gerechten Zorn. Die sechste Auflage von „Literatur Jetzt!“ erkundet in Lesungen, Gesprächen und Performances verschiedene Schattierungen eines zutiefst menschlichen und doch unheimlichen Gefühls.

Ausstellung: „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“ eröffnet – Gespräch mit Jaroslav Rudiš

Als Vorgeschmack auf die nächste Ausgabe zeigt „Literatur Jetzt! Festival zeitgenössischer Literatur“ vom 7. Mai bis zum 28. Mai in Dresden die Ausstellung „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“ in der Neustädter Markthalle. Ein Künstlergespräch mit dem Autor der Graphic Novel Jaroslav Rudiš findet am Mittwoch, den 7. Mai 2014, um 18 Uhr statt.

Alois Nebel, ein einzelgängerischer Fahrdienstleiter eines kleinen Bahnhofes in einem abgelegenen Ort Tschechiens, ist die Hauptfigur der dreiteiligen Graphic Novel des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš sowie des tschechischen Zeichners und Musikers Jaromír 99 und besitzt bereits in vielen Ländern Europas Kultstatus.

Die Ausstellung greift Szenen des Bilderromans auf und zeigt diese raumfüllend. Die in schwarz-weißer Holzschnittmanier gehaltenen Illustrationen von Jaromír 99 entführen den Betrachter durch ihre dreidimensionale Erscheinung in die Welt des Alois Nebel, sie machen seine Alpträume im aufziehenden Grau der Geschichte begehbar. Ergänzt wird die Schau durch lebensgroße Romanfiguren, die in die ständige Ausstellung des Museums integriert sind. Einblicke in die Entstehung der Illustrationen geben zudem ausgestellte Originalskizzen. 2012 erschien der Roman im Verlag Voland & Quist.

Die Ausstellung wurde von der Stuttgarter Agentur Gold & Wirtschaftswunder, dem Literaturhaus Stuttgart und den beiden Autoren entwickelt und 2013 mit dem zweiten Platz bei den European Design Awards ausgezeichnet. Der gleichnamige Film wurde 2012 mit dem Europäischen Filmpreis in der Kategorie „Bester Animationsfilm“ prämiert und startete am 12. Dezember 2013 in den deutschen Kinos.

www.aloisnebel.de

„Literatur Jetzt!“ 2013: Ein Resümee

Zum fünften Mal fand vom 17. bis 22. September 2013 „Literatur Jetzt!“, das Dresdner „Festival zeitgenössischer Literatur“ statt. Es wurde wieder vom livelyriX e.V. in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern organisiert und von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden und der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank gefördert. Insgesamt etwa 800 Zuschauer besuchten die sieben Veranstaltungen des Festivals, an dem fast 30 zeitgenössische Autoren mitwirkten. Die Programmgestaltung und Organisation lag wieder in den Händen von Leif Greinus (Verlag Voland & Quist), Helge Pfannenschmidt (edition AZUR), Volker Sielaff (Autor) und Michael Bittner (Autor). Die sechste Ausgabe von „Literatur Jetzt!“ wird vom 16. bis 21. September 2014 stattfinden.

Passend zum diesjährigen Motto „Leben im Überfluss“ wurde das Festival am Dienstag (17.09.) mit einer Diskussion zwischen dem Wachstumskritiker Niko Paech und dem liberalen Philosophen Sascha Tamm in der Schauburg eröffnet. In einem kurzen Vortrag vertrat Niko Paech die These, dass die Grenzen des Wachstums auch durch sogenannte grüne Technologien nicht überwindbar seien. Nur eine tatsächliche Reduktion von Produktion und Arbeitszeit könne Probleme wie den Ressourcenschwund und den Klimawandel lösen. Eine entschleunigte Gesellschaft jenseits des Konsumzwangs fördere gleichzeitig auch das Glück und die psychsische Gesundheit der Menschen. Sascha Tamm entgegnete mit dem Hinweis auf die Gefahren von Ideologien der Menschheitsbeglückung und betonte den Wert der individuellen Freiheit, den eigenen Lebensstil selbst bestimmen zu können. Eine interessante Debatte um Freiheit und Verantwortung entspann sich, Moderator Jörg Stübing streute Zweifel auf beiden Seiten und auch einige der über 150 Zuhörer meldeten sich zu Wort.

Am Mittwoch (18.09.) präsentierte sich in der inzwischen schon traditionellen Reihe „Nacht der Lesebühnen“ die komische und satirische Literatur in der Groove Station. Drei Autoren und eine Autorin von verschiedenen Lesebühnen fochten den Kampf zwischen Hedonismus und Nachhaltigkeit mit literarischen Mitteln aus. Etwa 70 Gäste waren dabei. Sebastian Lehmann entführte die Zuhörer in die postironische Welt der großstädtischen Bohème. Dan Richter bekannte sich in seinen Geschichten als „Besserossi“, notorischer Selbstverletzer und Freund der eigenmächtigen Enteignung anderer. Anke Fuchs spürte in ihren poetischen Texten der Lust am Abgrund nach und berichtete davon, dass selbst eine Nacht an der Küste die Jugend nicht zurückbringt. Und Konrad Endler begeisterte mit literarischem Anarchismus und versetzte sich musikalisch in ein Insekt und in die Südsee.

Am Donnerstag (19.09.) folgte ein Abend der Poesie mit drei lyrischen Stimmen unter dem Titel „Danke für die Notbeleuchtung der Sterne morgens“ im Stadtmuseum Dresden vor über 50 Zuhörern. Elke Erb las aus ihrem neuen Band „Das Hündle kam weiter auf drein“, der aus Anlass der Verleihung des Ernst-Jandl-Preises an sie in der Reihe roughbooks von Urs Engeler herausgegeben wurde. Brigitte Struzyk stellte ihren neuen Gedichtband „Alles offen“ vor (fixpoetry Verlag) und Ulrich Koch las aus „Uhren zogen mich auf“ (Verlag poetenladen, Leipzig) sowie noch unveröffentlichte Gedichte. Die Moderatorin des Abends, die Dresdner Autorin Undine Materni, stellte dabei alle drei Autoren auf sehr persönliche Weise dem Publikum vor.

Am Freitag (20.09.) feierte der livelyriX Poetry Slam vor über 300 Zuschauern in der fast ausverkauften scheune seinen 10. Geburtstag. Die Poetinnen und Poeten Julius Fischer, Wehwalt Koslovsky, Xochil A. Schütz, Micha Ebeling, Mareike Schneider und Max Rademann präsentierten Gedichte und Geschichten aus den letzten Jahren, aber auch eigens für den Abend verfasste Jubiläumstexte. Auch die Moderatoren des Dichterwettstreits, Michael Bittner und Stefan Seyfarth, ließen es sich diesmal nicht nehmen, sich zugleich als Autoren auf der Bühne zu präsentieren. Diverse Anekdoten und eine fotografische „Wall of Fame“ gaben den Zuschauern zudem ein Bild von der Geschichte des ersten regelmäßigen Dresdner Poetry Slams. Am Ende gab es ausnahmsweise nicht nur einen, sondern gleich acht Sieger des Abends.

Am Sonnabend (21.09.) präsentierte der Herausgeber Chris Hirte gemeinsam mit dem Schauspieler Thomas Loibl seine Ausgabe der Tagebücher des Anarchisten, Lebenskünstlers und Dichters Erich Mühsam in der Schauburg. Chris Hirte stellte nicht nur die Biografie Mühsams vor, sondern erläuerte auch die komplizierte Geschichte des Nachlasses und den mühevollen, aber letztlich erfolgreichen Weg seiner Edition. Thomas Loibl las zugleich ausdrucksstark und subtil aus den Tagebüchern, in denen Mühsam sich als Chronist der Bohème, aber auch als kritischer Zeitanalytiker zeigt. Am Ende war allen Zuhörern klar: Diese Tagebücher zählen zu den großen Werken der deutschen Literatur.

Am Sonntag (22.09.) erlebte eine ganz neuartige Veranstaltung in Dresden ihre Premiere – passend zum Thema des Festivals „Leben im Überfluss“: Die Frühschoppen-Lesung, erfunden von der Leipziger Galerie ARTAe und dem Berliner Künstler, Musiker, Schriftsteller, Philosophen und Universalhumoristen Thomas Kapielski. Zweiter literarischer Gast war dabei Jürgen Roth, der Autor des Standardwerkes „Die Poesie des Bieres“. Thomas Kapielski las Miniaturen aus seinem Band „Ortskunde“, Jürgen Roth kämpfte in seinen Geschichten gegen alle Feinde des Genusses, insbesondere des Bieres. Mit solchem vergnügten sich auch die etwa 50 Gäste während und nach der höchst amüsanten Lesung. Am Sonntagabend endete das Festival „Literatur Jetzt!“ 2013 schließlich mit dem Film „Michael Hamburger. Ein englischer Dichter aus Deutschland“ im Kino Thalia. Der Film zeigte den Dichter auch als passionierten Gärtner, Regisseur Frank Wierke gab Auskunft zur Entstehung seines Werks.

Sonntag: Film „Michael Hamburger. Ein englischer Dichter aus Deutschland“ mit Regisseur Frank Wierke im Thalia

Das Festival zeigt Frank Wierkes poetischen Dokumentarfilm über den großen englischen Dichter Michael Hamburger, sein Schreiben und seinen Garten. Der mit dem ARTE-Filmpreis ausgezeichnete Film gehört zum Schönsten, was es auf dem Gebiet des Porträtfilms zu entdecken gilt: Ein englischer Dichter aus Deutschland zeichnet Hamburgers Alltag in Suffolk (England) in leisen, berührenden Bildern nach.

Natur- und Tiergedichte ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk Hamburgers, der spätestens seit seinem Umzug nach Suffolk 1976 auch Gärtner war. Viele Bäume stehen in dem charmant verwilderten Garten, der an Hamburgers Wohnhaus grenzt, und der Dichter ist stolz darauf, dort mehr als dreißig Apfelsorten zu züchten. Besonders in seinen “Baumgedichten” erweist sich Hamburger als der “gegenstandsbezogene Dichter”, als den er sich selbst sieht.

Ein Foto des Autors in einer Tageszeitung und dessen Gedichte standen am Beginn der Arbeit des Filmemachers Frank Wierke an seinem Hamburger-Film. Zum Festival “Literatur Jetzt!” gibt der bekannte Dokumentarfilm-Regisseur Einblicke in seinen Produktionsalltag und erzählt, wie weit der Weg von einer Idee zum fertigen Film ist.

Ein englischer Dichter aus Deutschland: Michael Hamburger (Film und Gespräch mit Regisseur Frank Wierke) | 22.09. | Sonntag | 19 Uhr | Kino Thalia | Abendkasse: 4 Euro

Sonntag, 11 Uhr: Frühschoppen-Lesung mit Thomas Kapielski und Jürgen Roth im Bautzner Tor

„Leben im Überfluss“ – so lautet das diesjährige Thema des Festivals “Literatur Jetzt!” – wer könnte die hedonistische Lesart dieses Mottos besser vertreten als die Apologeten einer Poesie des Bieres: Thomas Kapielski und Jürgen Roth. Die Frühschoppen-Lesung mit Kapielski und Roth wurde von der Leipziger Galerie ARTAe erfunden und ist dort längst eine Institution. Sie gehört zum Buchmesse-Sonntag wie das Amen zur Kirche. Die Kombination aus zünftigem Essen, Bier und intellektuellen Höhenflügen garantiert beste Unterhaltung. In den Genuss eines Vormittags im Überfluss soll nun erstmals auch das Dresdner Publikum kommen – und zwar in einer der letzten verbliebenen echten Kneipen der gastronomisch gentrifizierten Neustadt: dem „Bautzner Tor“.

Zu den Autoren: „Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein“ – diese und viele andere grundlegende Einsichten verdanken wir dem Berliner Autor, Fluxus-Künstler und Philosophen Thomas Kapielski. Wie kein anderer vereint er in seinen Reflexionen komische Stammtischanekdoten, sensible Sprachreflexion, zornige Gegenwartsdiagnosen und Lektüreerlebnisse – ein überaus lohnenswerter „Ausflug ins intellektuelle Unterholz“ (NZZ). Kapielski feierte seinen Durchbruch mit den »Gottesbeweisen« und ist sowohl im Kunst- als auch Literaturbetrieb eine feste Größe. Kapielskis Begleiter und Gesprächspartner bei der Frühschoppenlesung Vol. 5 ist der Frankfurter Autor Jürgen Roth, der mit Die Poesie des Biers ein Standardwerk vorgelegt hat. Im Mittelpunkt: Tresengespräche und Bierdiskurse, Exkursionen in fränkische Bockbierparadiese, an die Ränder der Bierprovinzen und in die Zentren der Gastwirtschaften. Jürgen Roth veröffentlicht regelmäßig in der taz, der Titanic und anderen Satiremagazinen.

Frühschoppen-Lesung Vol. 5: Thomas Kapielski und Jürgen Roth – in Kooperation mit der Leipziger Galerie ARTAe | 22.09. | Sonntag | 11 Uhr | Bautzner Tor | Vorverkauf: 10 Euro (zzgl. Gebühr), Morgenkasse: 12 Euro (inklusive Weißwurstfrühstück und einem Getränk)

Sonnabend: Erich Mühsam – Die Tagebücher in der Schauburg gelesen von Thomas Loibl

Der Dichter und Publizist, Anarchist und Antifaschist Erich Mühsam zählt gewiss zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Seine politische Radikalität hat dabei nicht weniger Bewunderung und Hass hervorgerufen als sein hedonistischer und polyamouröser Lebensstil, den sich der Schriftsteller auch von chronischem Geldmangel nicht verleiden ließ. Die Widersprüchlichkeit und Strahlkraft dieses Charakters erschließt sich vollständig erst, seitdem einige Enthusiasten die vollständige Herausgabe der Tagebücher Mühsams unternommen haben. Die Tagebücher, die einst vielleicht als Hauptwerk des Dichters gelten werden, erscheinen in einer innovativen Doppeledition: als interaktive Netzausgabe und gedruckte Edition im Verbrecher Verlag. Zum Festival “Literatur Jetzt!” wird Chris Hirte, einer der beiden Herausgeber und Mühsam-Biograf, die Tagebücher vorstellen. Aus den Texten lesen wird dabei der Münchner Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler Thomas Loibl, der schon am Literaturhaus München einen Erich-Mühsam-Abend gestaltete.

Erich Mühsam – die Tagebücher. Gelesen von Thomas Loibl und vorgestellt von Herausgeber Chris Hirte | 21.09. | Sonnabend | 20 Uhr | Schauburg | Vorverkauf: 5 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 7 Euro