Bilder! Gedichte! – Nacht der Poesie mit Nancy Hünger, Anja Kampmann, Hans Thill und Klaus Merz

„Letztendlich ist die verständliche Lyrik unverständlich“ – eine Zeile des polnischen Dichters Tadeusz Rozewicz. die den Blick darauf lenkt, dass es eine eindeutige Kunst nicht gibt. Die Lyrik und die Bildende Kunst haben gemeinsam, dass sie zwar eine Struktur, eine Form brauchen, aber ansonsten – für den Betrachter bzw. den Leser – viel Spielraum lassen: für Deutungen und Emotionen. Viele Lyrikbände sind heute auch in ihrer äußeren Gestalt kleine Kunstobjekte, den Gedichten sind Illsutrationen, Gemälde, Fotografien zur Seite gestellt. Manchmal treten Poesie und Bildende Kunst zusammen auf, und man möchte rufen: „So viele Korrespondenzen!“ Bilder! Gedichte! – die Nacht der Poesie geht diesen Korrespondenzen auf einleuchtende und sinnliche Weise nach. Vier Dichter und Dichterinnen (Nancy Hünger, Anja Kampmann, Klaus Merz, Hans Thill) gestalten ihr ureigenes „Museum der Poesie“, in dem nichts museal und vieles unangefochten heutig ist.

 

Bilder! Gedichte! – Nacht der Poesie mit Nancy Hünger, Anja Kampmann, Hans Thill und Klaus Merz | 8. November 2017 | Mittwoch | 21 Uhr | Japanisches PalaisVorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 8 Euro, 6 Euro ermäßigt

 

Nancy Hünger, 1981 in Weimar geboren, ist eine Dichterin, deren Werk von einer immensen Musikalität geprägt ist. Man möchte fast glauben, dass ihre Zeilen aus einer Art innerem Rhythmus entstehen, so „hinhörend“ ergeben sie sich dem Sprachfluss. Man muss sie lesen hören, die Sprachtrance erleben, die den Versen etwas Unbedingtes gibt. Ihr Werk ist vielschichtig, ihre Prosa poetisch flimmernd, ihre Lyrik parlandohaft, aber alles andere als prosaisch. „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“, heißt lakonisch ihr aktueller Band. Nett ist das Buch aber nicht, sondern: existenziell, traurig, fordernd. Und das alles zugleich. Und es endet mit einer Kritik an dem „kleinen Großbetrieb“ der Kunst und Literatur, die sich lyrisch gewaschen hat.

 

Anja Kampmann, 1983 in Hamburg geboren, blickt durch das Fenster der Gegenwart und findet Sedimente vergangener Tage. Die Kritik spricht bereits nach ihrem Debütband „Proben von Stein und Licht“ von einem speziellen Kampmann-Ton, weil sich in ihrem Werk immer wieder Anfangsverse finden, die wie Eingangsphrasen zu einem musikalischen Werk einen Ton vorgeben und den Leser unmittelbar anziehen. Glas, Kalk, Eis, Salz, Sand, so heißen die Abschnitte in Anja Kampmanns „Proben von Licht und Stein“, verrät etwa Paul Jandl und meint, die Gedichte darin spiegelten genau die Eigenschaften jener Materialen wider.

 

Klaus Merz, 1945 in Aarau geboren, gilt als ein Meister der Verdichtung. Mit nur wenigen Wörtern, in meist kurzen sparsam gesetzten Versen gelingt es ihm, ganze Lebensgeschichten sprechen zu lassen. Die Tonspur dieses Dichters der Lakonie und der Kürze ist unverwechselbar: „Es gibt Sätze / die heilen // und Tage / leichter als Luft. // Es gibt eine Stimme / die ich wiedererkenne // noch bevor sie / mich ruft.“ Die FAZ schrieb über Klaus Merz: „So spielerisch genau kann die Kunst kleiner Form werden, wenn ein Könner wie Merz seine Fanatasie auf ein Minimum an Worten verpflichtet.“

 

Hans Thill ist ein barocker Fabulierer, ein surrealistischer Entdecker, einer, wie es Wenige gibt in der deutschsprachigen Lyrik. Kein Großstatdlyriker, sondern einer, der den Dörfern den Puls fühlen und sich in ihre Geschichte, die bei ihm Weltgeschichte wird, einhören und -lesen kann. Thills „Buch der Dörfer“ ist eine Sammlung von kurzen, poetischen Prosatexten, die das Dorf als Lebens- und Erfahrungsraum, Erinnerungsort und Ideenreservoir ausloten. In ihm geht es fernab von allem Urbanen nicht nur querfeldein über fiktive Dörfer; es geht auch kreuz und quer durch Ideenwelt und Kulturgeschichte: „DAS NÄCHSTE DORF gehörte den Humboldts, die nahmen den Schlüssel mit, wenn sie auf Reisen waren. Die günstigen Winde wurden in einen Rucksack mehr gestopft als gefaltet, ein paar Australier ließen sich nicht lange bitten und tanzten mit Katzen.“ Lust an der Sprache und Lust an der kreativen Verwirrung treiben Thill gleichermaßen zum Schreiben an. Thill ist mal ruhig und elegisch, mal surrealistisch und anspielungsreich.