Programm

Sa 24.09.

Tickets
21:00 Zentralwerk Vorverkauf: 7€ erm./10€, Abendkasse: 10€ erm./13€

Lesung und Gespräch

Herkunft und Zukunft: Dilek Güngör und Paul Bokowski

Viele Autorinnen und Autoren, die als Kinder von Einwanderern in Deutschland aufgewachsen sind, haben in den vergangenen Jahren ihre besonderen Erfahrungen literarisch verarbeitet und damit einer lange unbeachteten Sicht auf die deutsche Gesellschaft Aufmerksamkeit verschafft. Die Literaturkritik war schnell mit Etiketten wie „postmigrantische Literatur“ zur Hand und feierte die Frische und Härte dieser Werke – droht dabei jedoch, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf ihre migratische Identität festzulegen. Unter dem Titel „Herkunft & Zukunft“ erzählen der deutsch-polnische Autor Paul Bokowski („Schlesenburg“) und die deutsch-türkische Autorin Dilek Güngör („Vater und ich“) von uneindeutiger Herkunft. Die beiden lesen und diskutieren darüber, wie die postmigrantische Erfahrung ihre Persönlichkeit und ihre Arbeit prägt.

„Schlesenburg“ von Paul Bokowski: Schlesenburg wurde sie genannt, unsere Siedlung am Stadtrand, in der im Sommer 89 die Wohnung der Galówka brannte. Sechzig Familien waren wir, fast allesamt aus Polen. Und plötzlich ging die Angst um, jetzt würden hier bei uns Rumänen oder Russlanddeutsche einziehen. Die halbe Burg schaute mit Abscheu auf das Asylbewerberheim, wo sie alle wohnten, und mit zu viel Stolz darauf, dass man es selber hinter sich gelassen hatte. Es war das Jahr, in dem das neue Mädchen in die Siedlung zog, das Jahr, in dem Darius verschwand, in welchem Mutter nur Konsalik las und ich zu spät begriff, dass Vater mit der ausgebrannten Wohnung seine eigenen Pläne hatte… „Schlesenburg“ erzählt von Flüchtlingen und ihren Hiergeborenen, von Heimweh und einer neuen Heimat. Ein so warmherziger wie bittersüßer Roman über den Traum von Anpassung und Wohlstand – und die Frage, wo man hingehört, wenn man nicht weiß, wo man hergekommen ist.

„Vater und ich“ von Dilek Güngör: Als Ipek für ein verlängertes Wochenende ihren Vater besucht, weiß sie, dass er auf dem Bahnhofsplatz im Auto auf sie warten und sie nicht am Zug empfangen wird. Im Elternhaus angekommen sitzt sie in ihrem früheren Kinderzimmer, hört ihn im Garten, im Haus, beim Teekochen. Die Nähe, die Kind und Vater verbunden hat, ist ihnen mit jedem Jahr ein wenig mehr abhandengekommen, und mit der Nähe die gemeinsame Sprache. Ipek ist Journalistin, sie hat das Fragenstellen gelernt, aber gegenüber dem Schweigen zwischen ihr und dem Vater ist sie ohnmächtig. Dilek Güngör beschreibt die Annäherung einer Tochter an ihren Vater, der als sogenannter Gastarbeiter in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Sie erzählt von dem Versuch, die Sprachlosigkeit mit Gesten und Handgriffen in der Küche, mit stummem Beieinandersitzen zu überwinden. Ein humorvoller wie rührender Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung, mit der sich viele werden identifizieren können.