Literatur Jetzt! 2016 – „Wir müssen reden“ – ein Rückblick

Vom 6. bis zum 13. November 2016 fand zum achten Mal „Literatur Jetzt!“, das Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden, statt. Zum ersten Mal veranstaltete nicht allein der Livelyrix e.V. das Literaturfest, Kooperationspartner war im Jahr 2016 das Deutsche Hygiene-Museum. Unter dem Motto „Wir müssen reden“ widmete sich das Festival dem Thema Sprache in allen seinen Facetten, passend zur Sonderausstellung „Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten“, die vom 24. September 2016 bis zum 20. August 2017 im Hygiene-Museum zu sehen ist. „Literatur Jetzt! 2016“ war so umfangreich, vielfältig und erfolgreich wie noch keine Ausgabe des Festivals zuvor: Über 20 Veranstaltungen mit mehr als 40 Autorinnen und Autoren zogen insgesamt etwa 2500 Besucher an. Möglich wurde dieser Erfolg durch die Förderung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank sowie durch weitere Förderer einzelner Veranstaltungen.

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Zur Eröffnung des Festivals am 6. November durfte „Literatur Jetzt!“ erstmals eine Trägerin des Literaturnobelpreises begrüßen: die Schriftstellerin Herta Müller. Etwa 500 Gäste erlebten den Auftakt des Literaturfestes. Direktor Klaus Vogel für das Deutsche Hygiene-Museum und der Dresdner Autor Volker Sielaff für das Team von „Literatur Jetzt!“ begrüßten das Publikum und dankten den Förderern des Festivals, bevor Herta Müller die Bühne betrat. Im Gespräch mit ihrem langjährigen Freund und Kollegen, den Schriftsteller und Übersetzer Ernest Wichner aus Berlin, berichtete Herta Müller über ihren „Worthunger“ und ihre „Rettung durch Sprache“. Dabei ging es besonders um ihre Kindheit im rumänischen Banat und ihr Leben in der Ceaucescu-Diktatur. Sodann las Herta Müller aus ihrem neuen Buch „Mein Vaterland ist ein Apfelkern“ und aus ihrem Bestseller „Atemschaukel“ einige Passagen. Zum Schluss stellte die Autorin noch einige ihrer Collage-Gedichte aus dem Band „Vater telefoniert mit den Fliegen“ vor. Diese wurden großflächig auf eine Leinwand projiziert, um das Publikum auch in den Genuss der visuellen Wirkung dieser Texte kommen zu lassen. Ein denkwürdiger und sehr intensiver Auftakt des Festivals.

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Am 9. November widmete sich das Festival dem Zusammenhang von Sprache und Macht mit einer Diskussion unter dem Titel „Wie viel Streit braucht die Demokratie?“ zwischen dem Schweizer Dramatiker, Romancier und Essayisten Lukas Bärfuss und Jürgen Kaube, dem Feuilleton-Chef und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Gespräch wurde moderiert durch Dagmar Ellerbrock, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Dresden mit Schwerpunkt Gewaltforschung. 250 Gäste verfolgten eine angenehm krawallfreie und sachliche Diskussion. Beide Gesprächspartner beklagten eine mangelhafte Diskussionskultur in der Gegenwart, in der es weniger um den Austausch von Argumenten als um die Verächtlichmachung und Ausgrenzung des Gegners gehe. Die Unehrlichkeit von verbalen Schaukämpfen und Propagandafeldzügen zeige sich in der Phrasenhaftigkeit und Verlogenheit der politischen Gegenwartssprache. Auf unterschiedliche Weise plädierten sowohl Lukas Bärfuss als auch Jürgen Kaube für eine Rückkehr zum offenen, aber auch respektvollen Streit.

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Am 10. November fand in der Scheune vor etwa 50 Gästen die traditionelle „Nacht der Lesebühnen“ statt, die von Anfang an zum Programm des Festivals gehört. Es lasen vier Autoren von verschiedenen Lesebühnen aus der ganzen Republik, die sich der komischen und satirischen Literatur verschrieben haben. Der zurzeit im Hamburg beheimatete Schriftsteller Anselm Neft widmete sich in seinen Geschichten auf humorvolle Weise den gesellschaftlichen Konflikten der Zeit. So sprengte etwa einer seiner Protagonisten eine rechte Demonstration erfolgreich durch den Aufruf zur körperlichen Liebe. Jacinta Nandi aus Berlin beschrieb in ihren Texten die Erlebnisse einer englischen Immigrantin in Deutschland und das anhaltende Befremden in der deutschen Gesellschaft. Humorvoll zeigte sich Christian Bartel aus Bonn, der unter anderem vom zerstörerischen Einfluss des Alkohols auf die Sprachfähigkeit erzählte. Der Liedermacher Elis aus Frankfurt am Main wiederum beschäftigte sich besonders mit der Sprachlosigkeit, in die Liebende allzuoft versetzt werden. Das erheiterte wie bewegte Publikum blieb anschließend noch lange zum Gespräch mit den Autoren am Büchertisch.

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Ebenfalls am 10. November fand im Deutschen Hygiene-Museum gleichzeitig der Deutsch-Arabische Lyriksalon statt, eine Veranstaltungsreihe von Gastgeber Fouad EL-Auwad, die im Rahmen von „Literatur Jetzt!“ erstmals in Dresden gastierte. Erfreulicherweise waren unter den etwa 70 Besuchern nicht nur deutsche Freunde der Poesie, sondern auch zahlreiche arabische Gäste, unter ihnen auch geflüchtete Menschen. Auch bei den Autoren war die Lesung eine Begegnung der Kulturen: Zu hören waren zwei deutsche (Kerstin Becker, Joachim Sartorius) und zwei arabische (Mohamad Alaaedin Abdul Moula, Fouad EL-Auwad) lyrische Stimmen. Begleitet wurden sie von dem Musiker Thabet Azzawi an der Oud.

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Der 11. November begann im Deutschen Hygiene-Museum mit dem aktuellen Dresdner Stadtschreiber Peter Wawarzinek, der Notizen aus seiner Arbeitsmappe las. Vor etwa 70 interessierten Gästen ließ er seiner Leidenschaft fürs Erzählen die Zügel schießen, berichtete von den Eindrücken, die er in Dresden gewonnen hatte, und beanwortete Fragen der Journalistin Karin Großmann von der Sächsischen Zeitung.

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Bei der folgenden Veranstaltung stand der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer im Mittelpunkt, nicht nur ein soeben mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichneter Autor, sondern auch ein langjähriger Freund und Förderer des Festivals „Literatur Jetzt!“. Seine Rede „Es kommt ein A“ beschäftigte sich mit den Wechselverhältnissen von Klang- und Zeichenhaftigkeit sowie von Logik und Zufälligkeit, welche die Sprache auszeichnen. Durch die Mitwirkung der Gruppe AUDITIVVOKAL DRESDEN nach einer Komposition von Manos Tsangaris wurde die Rede zum Sprech- und Gesangsstück erweitert, Inhalt und Form miteinander in Resonanz gesetzt.

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Mit etwa 500 Gästen zählte der Poetry Slam zu den erfolgreichsten Veranstaltungen des Festivals. Moderator Michael Bittner begrüße vier Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen Stilen zum modernen Dichterwettstreit. Da war zunächst Bas Böttcher, einer der erfahrensten Slam-Poeten der Republik, der mit seinen sprachspielerischen und gekonnt vorgetragenen Gedichten unmittelbar Bezug auf das Thema des Festivals nahm. Die junge Berliner Autorin Zoe Hagen berichtete in ihren Geschichten auf zugleich witzige und anrührende Weise von ihren Erfahrungen als Afrodeutsche. Der Autor Kaleb Erdmann aus Frankfurt am Main widmete sich in seinen satirischen Texten den sprachlichen Heucheleien der gegenwärtigen Gesellschaft. Die Poetin Franziska Holzheimer aus Wien schließlich machte in ihren Gedichten die Freuden und Qualen der Liebe durch Sprache erfahrbar. Zum Gewinner wählte das Publikum am Ende dann per Applaus: Kaleb Erdmann.

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Am 12. November bespielte das Festival vom Nachmittag an bis in die Nacht hinein das ganze Hygiene-Museum mit verschiedensten Veranstaltungen und verwandelte es so in einen Ort der Begegnung zwischen Autoren und Lesern verschiedenster Art, die sich in der Festival-Lounge im Foyer des Museums begegneten und ganz am Ende des Tages noch den DJ-Set von uncanny valley soundsystem lauschten.

Im Dialog-Salon unter dem Titel „Zur Sprachähnlichkeit von Musik“, einer Veranstaltung in Kooperation mit dem KlangNetz Dresden, unterhielten sich der Schriftsteller Marcel Beyer, Manos Tsangaris, Komponist und Professor für Komposition an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden sowie Martin Rohrmeier, Professor für Systematische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Musikkognition an der TU Dresden. Das Gespräch moderierte Prof. Dr. Alice Staskowa, Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Den musikalischen Part übernahmen Carl Thiemt (Countertenor) und Hans-Ludwig Raatz (Cellist). Etwa 120 Gästen lauschten dem anspruchsvollen Gespräch über das Verhältnis von musikalischer und wörtlicher Sprache.

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Im Hörsaal des Museums präsentierte vor etwa 70 Gästen der Übersetzer Frank Günther seine Lecture-Performance „Abenteuerliche Reise in Shakespeares Sprachwunderwelten“. Günther, der als erster Deutscher sämtliche Dramen Shakespeares übersetzt hat, machte die Zuhörer auf humorvolle Weise mit den Freuden und Mühen des Übersetzerhandwerks vertraut. Besonders führte er anschaulich vor Augen, wie lange Shakespeares erotische Sprache von prüden Übersetzern den deutschen Lesern vorenthalten wurde.

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Im Kleinen Saal des Museums sprach vor etwa 30 Gästen der bekannte Literaturkritiker und Publizist Michael Braun über Hugo Ball, Avantgarde und Katholizismus. Seine These: Wer in dem Dadaisten Ball nur einen Provokateur der Avantgarde sieht, nicht aber den religiösen Mystiker, der seiner katholischen Prägung immer verhaftet blieb, irrt. Im Gespräch mit Volker Sielaff wurde Braun zudem als Herausgeber des alljährlich erscheinenden „Lyrik-Taschenkalenders“ vorgestellt.

„Museum der Poesie“ hieß das vielleicht innovativste Format des diesjährigen Festivals. Drei Dichter – Els Moors aus Belgien mit ihrer deutschen „Stimme“ Undine Materni, José F. A. Oliver aus Hausach und Ulrike Feibig aus Leipzig – trugen inmitten der Ausstellung „Sprache“ des Deutschen Hygiene-Museums auf performative Art ihre Gedichte vor, begleitet von dem Saxophonisten Mark Weschenfelder, der die etwa 50 Besucher in der Art eines „Stationendramas“ durch die Ausstellung und zu den einzelnen Leseorten der Dichter führte. Poesie im Spannungsfeld von minimalistischer Gestik (Feibig), leidenschaftlichem Gesang (Oliver) und zweisprachiger Lesung (Moors und Materni). Am Nachmittag bereits hatten die drei Lyriker, zusammen mit dem Dresdner Schriftsteller Volker Sielaff und moderiert von Michael Braun, vor zahlreichen interessierten Lesern in der Galerie im Zwischengeschoss ihre Lieblingsbücher zur Lektüre empfohlen. Eine entspannte, inspirierende Runde unter dem Titel „Bücher, die (mir) die Welt bedeuten“, die zum Lesen oder Wiederlesen der Bücher von Heinrich Heine (Els Moors), Ilija Trojanow (Oliver), Helga M. Novak (Feibig) und Olav H. Hauge (Sielaff) anregen wollte.

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Die Verbindung von literarischem und philosophischen Schreiben suchte das Festival im Format des Theorie-Slams am Samstagabend, bei dem die Publikation „Absolute Gegenwart“ aus dem Merve Verlag von vier Autorinnen und Autoren des Bandes (Jeanne Bindernagel, Marcus Quent, Stefan Heidenreich und Michael Hirsch) vorgestellt und deren Analysen mit dem Publikum diskutiert wurden. Trotz später Stunde kam in der Empfangshalle des Museums ein theorieaffines Publikum zusammen, um bei einem Glas Wein über die Möglichkeiten zu sprechen, in der aktuellen politischen Situation neue ökonomische, politische und künstlerische Zukunftsentwürfe unserer Gesellschaft zu entwickeln.

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Am 13. November endete das Festival im Deutschen Hygiene-Museum mit einem Familientag unter dem Motto „Sonntagsgeschichten“, der ein vielfältiges Programm besonders für Kinder und Jugendliche bot: kostenlose Führungen, Spiele, zwei Poetry-Slam-Workshops mit dem Poeten Bas Böttcher, das Tanztheaterstück „Kathy im Wunderland“ von Katja Erfurth sowie die Lesung von Annika Reich aus ihrem Kinderbuch „Lotto, macht was sie will“. Auch an Erwachsene richtete sich darüber hinaus die Lesung von Bov Bjerg, der nicht nur aus seinem Erfolgsroman „Auerhaus“ las, sondern auch seinen neuen Geschichtenband „Die Modernisierung meiner Mutter“ vorstellte.

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Zum Abschluss des Festivals las sodann am 13. November der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hanns-Josef Ortheil vor mehr als 200 Zuhörern im Deutschen Hygiene-Museum einige Passagen aus seinem Roman „Der Stift und das Papier“, in dem es darum geht, wie der Autor, begleitet von Vater und Mutter, sich das Schreiben beibrachte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der lange Zeit nicht sprach und der deshalb seinen eigenen Weg zur Sprache finden musste – eine Fortsetzung von Ortheils autobiographisch inspiriertem Roman „Die Erfindung des Lebens“. Ein passenderer Abschluss für ein Festival, das sich ganz der Sprache widmete, hätte sich schwerlich finden lassen. Wir freuen uns auf die nächste Ausgabe im Jahr 2017!

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„Literatur Jetzt!“ beginnt am Sonntag mit Lesung von Herta Müller

Mit Herta Müller begrüßt das Festival Literatur Jetzt! 2016 zur Eröffnung am Sonntag (6. November) eine Autorin von Weltrang, die für ihre Romane, Gedichte und Essays im Jahr 2009 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde – für ein Schreiben, das „mittels der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ zeichne, so die offizielle Begründung der Stockholmer Akademie. In ihrem umfangreichen Werk hat Herta Müller wie kaum eine andere zeitgenössische literarische Stimme die Grenzen des Unsagbaren geweitet. Und sie hat aufgezeigt, wozu poetische Sprache imstande ist – welche rettenden, subversiven, spielerischen aber auch zerstörerischen Kräfte ihr innewohnen.

 

Die rettende Kraft der Sprache thematisiert die 1952 im rumänischen Banat geborene und nach anhaltender Verfolgung und Schikanierung durch die Securitate 1987 nach Deutschland ausgewanderte Autorin in ihrem Roman „Atemschaukel“. Die literarische Verarbeitung der GULAG-Erlebnisse Dichterkollegen Oskar Pastior nimmt den Leser mit in ein Niemandsland, in dem Sprache die letzte Nahrung ist. Ganz anders – nämlich leicht und verspielt –  präsentiert sich Herta Müller in dem Collagenband „Vater telefoniert mit den Fliegen“: Das poetische Puzzle aus Zeitungsausschnitten ist mit der Schere gedichtet und spürt dem Zauber der Rekombination gefundener Wörter nach.

 

Herta Müller liest Passagen aus verschiedenen Bänden ihres umfassenden Werkes, sowohl Prosatexte als auch Gedichte. Im Gespräch mit ihrem langjährigen Weggefährten Ernest Wichner spricht sie u. a. darüber, ob und wie man für den Schrecken eine Sprache finden kann – und warum der „Worthunger“ für Menschen mit Diktaturerfahrung oft das einzig wirksame Gegengift gegen die Lebensangst ist.

 

Herta Müller: „Ich brauchte jeden Tag dringend die Schönheit der Sätze“ – Lesung und Gespräch | 6. November | Sonntag | 19 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | Eintritt im Vorverkauf (zzgl. Gebühren)/Abendkasse: 15/10 Euro

 

Foto von Herta Müller: Steffen Giersch

„Wir müssen reden“ – Festival Literatur Jetzt! 2016 vom 6. bis zum 13. November in Dresden

 

Wir müssen reden, ganz einfach weil wir Menschen sind. Denn die Sprache ist mehr als nur das Kleid unserer Gedanken. In gewisser Weise ist die Sprache das Denken selbst, das Material, aus dem wir uns die Welt erst erschaffen. Zugleich ist sie aber auch das Medium, in dem wir mit anderen Menschen kommunizieren und mit dem wir Konflikte ohne Gewalt lösen können. Literatur verfügt über ein besonderes Sensorium für diese Vielschichtigkeit und den Reichtum von Sprache – aber auch für die Abgründe, die sich in ihr auftun können.

 

Wir müssen reden, weil wir vor großen politischen und kulturellen Herausforderungen stehen. Auf die aktuellen Umwälzungen unserer Gesellschaften reagieren derzeit viele Menschen mit Verunsicherung und Aggressivität. Nicht nur in der Anonymität der sozialen Netzwerke wird heute mit immer drastischeren sprachlichen Mitteln um die politische und soziale Deutungshoheit gekämpft. Vor diesem Hintergrund versteht sich das Festival Literatur jetzt! 2016 auch als ein kritischer Diskussionsbeitrag zum Zustand unserer Debattenkultur. Wie verschieben sich sprachliche Standards? Bleiben Fähigkeiten wie Empathie und Sensibilität auf der Strecke, die für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar sind? Viele der eingeladenen Autorinnen und Autoren analysieren gewaltsame und verletzende Sprechweisen, andere begeben sich auf die Suche nach Worten für neuartige Erfahrungen in einer von Migration und multiplen Identitäten gekennzeichneten Welt.

 

Die achtzehn Veranstaltungen des Festivals setzen sich mit vier unterschiedlichen Aspekten von Sprache auseinander: Sprache und Macht, Sprache und Stimme, Sprache und Identität, Sprache und Wissen. Neben Autorenlesungen, Poetry Slams und Vorträgen werden Diskussionen des Publikums mit den Akteuren einen breiten Raum einnehmen. Zugleich aber wird auch die Kraft und die Schönheit der Poesie eine wichtige Rolle spielen im Zusammenklang mit der Sprache der Musik – und mit den Räumen eines Museums. Denn Anlass und Hintergrund der Kooperation von Livelyrix e.V. und Deutschem Hygiene-Museum ist die aktuelle Sonderausstellung Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten, die vom 24. September 2016 bis zum 20. August 2017 zu sehen ist. Es gibt also mehr als einen Grund, bei diesem Fest der Literatur vorbeizuschauen!

 

Genauere Informationen zu allen Veranstaltungen finden Sie über die Seite PROGRAMM, zu allen beteiligten Künstern über die Seite AUTORINNEN UND AUTOREN. Karten können Sie über die Seite KONTAKT/TICKETS erwerben.

 

 

Rückblick auf das Festival „Literatur Jetzt!“ im Jahr 2015

„Neue Welten“ lautete das Motto, unter dem vom 15. bis zum 20. September 2015 zum 7. Mal „Literatur Jetzt!“, das „Festival zeitgenössischer Literatur“ in Dresden stattfand. Es widmete sich in diesem Jahr jenen Autorinnen und Autoren, die über den Tellerrand von Heimat und Gegenwart blicken – in kommende Zeiten, utopische Welten oder zu entdeckende Regionen der Erde. Über 20 Künstler waren an den 8 Lesungen des Festivals beteiligt, die im Lipsius-Bau, dem Deutschen Hygiene-Museum, der scheune, dem Zentralwerk und dem Kunsthaus Dresden stattfanden. Über 900 Zuschauer besuchten insgesamt die Veranstaltungen. Noch nie war alle Lesungen gleichmäßig so gut besucht, noch nie das Festival in der Presse so präsent, sodass man ohne Weiteres von der bislang erfolgreichsten Ausgabe des Festivals „Literatur Jetzt!“ sprechen kann.

 

Organisiert wurde das Literaturfest wieder vom livelyriX e.V. in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern. Förderer waren erneut die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden und der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank. Die Programmgestaltung und Organisation lag in den Händen von Michael Bittner (Autor), Leif Greinus (Verlag Voland & Quist), Ludwig Henne (Kulturmanager), Helge Pfannenschmidt (Verlag edition AZUR) und Volker Sielaff (Autor). Die Pressearbeit übernahm Juliane Hanka. Der Festivalfotograf war Peter R. Fischer. Als Praktikantin wirkte Svenja Macht mit.

 

Das Festival wurde eröffnet am 15. September in der Kunsthalle im Lipsius-Bau der Staatlichen Kunstsammlungen durch eine Lesung von Nino Haratischwili, die ihren Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ präsentierte. Mit knapp 100 Zuschauern war die Lesung restlos ausverkauft. Moderiert wurde der Abend von Sonja Vandenrath, im Hauptberuf als Literaturbeauftragte der Stadt Frankfurt tätig. Im Gespräch mit der Autorin fragte sie u.a. nach persönlichen Hintergründen und Motiven für die Entstehung des Romans sowie nach dem Verhältnis von Fiktion, Geschichte und Realität. Haratischwili las danach eine Passage aus ihrem Buch, in der eine der Heldinnen auf den russischen Geheimdienstchef Lawrenti Beria trifft, der im Roman als „Kleiner Großer Mann“auftritt. Am Ende der knapp zweistündigen Lesung wurde die Fragerunde zum Publikum hin geöffnet, und es gab für die zahlreichen Leser und Leserinnen die Möglichkeit, sich den Roman von der Autorin signieren zu lassen. Ein gelungener Auftakt des Festivals an einem besonders schönen Ort.

 

Am 16. September fanden gleich zwei Veranstaltungen statt: In der mit weit über 200 Fans gefüllten scheune las der weltbekannte DJ Westbam aus seinem autobiografischen Buch „Die Macht der Nacht“, in dem er sein Leben seit den Anfängen von Techno und House in Deutschland in den 1980er Jahren bis heute beschreibt. Westbam erzählt die Geschichte von einer schlecht gemischten Mixkassette, die er für die erste Love Parade produzierte und die eher wenig gut bei den rund 80 Ravern ankam und von einem Rotterdamer Club, in dem er und sein Bruder von der DJ-Kanzel geführt werden mussten, da der Drogenrausch außer Kontrolle geriet. Auch eine skurrile Geschichte aus Dresden mit einem Hausschwein im Club war dabei. Dazwischen immer wieder Gedanken über die Idee von Techno und das Ziel, eine andere Gesellschaft mit Beats und Hi-Hats zu schaffen – ob dies gelungen ist, ließ Westbam offen. Nicht nur für Techno-Fans war die Abend unterhaltsam, auch weil Westbam ein klug und differenziert beschreibender Zeitzeuge der Clubkultur der letzten drei Jahrzehnte ist.

 

Derweil stellte ebenfalls am 16. September im mit weit mehr als 100 Gästen restlos ausverkauften Vorlesungssaal im Deutschen Hygiene-Museum Iris Radisch ihre Biografie „Camus. Das Ideal der Einfachheit“ dar. Die Autorin riss mit ihrer Begeisterung für den französischen Philosophen und Schriftsteller das Publikum mit, verschwieg aber auch nicht die problematischen Seiten seines Werkes, etwa sein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Besonderes Augenmerk legte Iris Radisch in ihrer Diskussion mit dem Moderator, dem Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer, auf den Zwiespalt zwischen ärmlicher Herkunft und intellektuellem Erfolg bei Camus. Das „mittelmeerische Denken“ der Einfachheit zeigte sich als lebenslange Vision des Autors, aber auch als Denkanstoß für eine alternative Ökonomie in der Gegenwart.

 

Am 17. September lud das Festival zur „Nacht der Lesebühnen“ wie in jedem Jahr Vertreter der komischen und satirischen Literatur ein. Vor etwa 150 begeisterten Zuschauern in der scheune lasen vier Vertreter verschiedener deutscher Lesebühnen. Paul Bokowski führte das Publikum mit auf abenteuerliche Reisen mit seinen Eltern. Volker Strübing widmete sich unter anderem dem Wandel unseres Lebens durch die moderne Technik. Kirsten Fuchs las neben anderen Geschichten auch einen Auszug aus ihrem aktuellen Roman „Mädchenmeute“, der Mädchen in ein geheimnisvolles Land namens Erzgebirge führt. Roman Israel ließ in seinen Geschichten mit groteskem Humor kulturelle Welten kollidieren, so etwa eine ostdeutsche Provinzfamilie mit chinesischer Küche und den tschechischen Nachbarn.

 

Am 18. September war erstmals das Zentralwerk Ort des Geschehens, ein höchst interessanter Ort in Pieschen, wo gerade eine ehemalige Fabrik in genossenschaftlicher Arbeit zum Platz für Kultur und Wohnen umgebaut wird. Der historische Ballsaal bot einen hervorragenden Raum für die lyrisch-musikalische Performance unter dem Titel „Lyrik ist Happening“, die von der Erfinderin dieses Poetry Jams, der Musikerin Anne Munka, dirigiert wurde. Gemeinsam mit weiteren Musikern gestalteten das Programm der Dichter Andre Rudolph mit Texten aus seinem Band „Blicktot, Nixe (Klaffende Tags)“ sowie die Poetin Rike Scheffler, die nicht nur las, sondern auch selbst musikalische „Looppoems“ präsentierte. Im Zusammenspiel von Dichtung und Musik an so ungewöhnlichem Ort ergaben sich wahrlich magische Augenblicke, welche die über 50 Zuhörer ganz in ihren Bann zogen.

 

Am 19. September fanden, wiederum im Zentralwerk, gleich zwei Lesungen statt, die zusammen über 100 Gäste anlockten. Zunächst las die Leipziger Autorin und Übersetzerin Heike Geißler aus ihrem viel diskutierten Buch „Saisonarbeit“, in dem sie auf sehr persönliche, zugleich literarisch anspruchsvolle Weise von ihrer Beschäftigung bei Amazon erzählte. Im Gespräch mit Moderator Helge Pfannenschmidt plädierte sie für das Recht auf „Empfindlichkeit“, gegen ein fatalistisches Kapitulieren vor dem Stumpfsinn und der Entsolidarisierung in der modernen Arbeitswelt. Die zweite Lesung des Abends bestritt Anke Stelling mit ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Bodentiefe Fenster“. Erkennbar gespeist durch eigene Erfahrungen berichtete Anke Stelling von dem Leben in einem Gemeinschaftswohnprojekt mit seinen ermüdenden Diskussionsritualen, seiner Konfliktscheu und Verlogenheit. Moderator Matthias Teiting fragte im Gespräch besonders nach dem persönlichen Konflikt der Autorin, die zugleich Bewohnerin und literarische Analytikerin eines solchen Wohnprojekts ist.

 

Das Festival endete am 20. September auf abenteuerliche Weise im Kunsthaus Dresden. Der Philosoph Helge Meves stellte sein Buch „Libertalia. Die utopische Piratenrepublik“ vor, in dem er erstmals in deutscher Sprache die Geschichte dieser demokratischen Seeräuberrepublik zugänglich machte, die Daniel Defoe zugeschrieben wird. Helge Meves las wichtige Passagen aus dem Buch, erzählte aber auch anschauliche Anekdoten aus dem Leben der Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit dem Moderator Michael Bittner und dem Publikum diskutierte der Autor über die utopische Qualität des Berichtes und die ökonomischen und politischen Hintergründe der Piraterie. Dabei eröffneten sich zugleich Durchblicke auf die nicht minder durch Menschenhandel, Krieg und rücksichtslose Handelspolitik bestimmte Gegenwart. Zugleich wurde aber auch die kritische Kraft utopischen Denkens und Schreibens erkennbar, womit das Motto des diesjährigen Festivals einmal mehr mit Leben erfüllt wurde.

Dienstag, 15. September: Nino Haratischwili liest aus „Das achte Leben“

Die aus Georgien stammende, auf Deutsch schreibende Autorin Nino Haratischwili präsentiert zur Eröffnung des Festivals „Literatur Jetzt!“ am Dienstag (15. September) ihren historischen Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“. Es ist ein Epos mit klassischer Wucht und großer Welthaltigkeit, ein mitreißender Familienroman, der mit hoher Emotionalität über die Spanne des 20. Jahrhunderts bildhaft und eindringlich, dabei zärtlich und fantasievoll acht außergewöhnliche Schicksale in die georgisch-russischen Kriegs- und Revolutionswirren einbindet. Die Autorin liest und spricht über ihr Buch mit Sonja Vandenrath.

Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemberaubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen … Deutschland, 2006: Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR herrscht in Georgien Bürgerkrieg. Niza, Stasias hochintelligente Urenkelin, hat mit ihrer Familie gebrochen und ist nach Berlin ausgewandert. Als ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Tbilissi zurückkehren möchte, spürt Niza sie auf. Ihr wird sie die ganze Geschichte erzählen: von Stasia, die still den Zeiten trotzt, von Christine, die für ihre Schönheit einen hohen Preis zahlt, von Kitty, der alles genommen wird und die doch in London eine Stimme findet, von Kostja, der den Verlockungen der Macht verfällt und die Geschicke seiner Familie lenkt, von Kostjas rebellischer Tochter Elene und deren Töchtern Daria und Niza und von der Heißen Schokolade nach der Geheimrezeptur des Schokoladenfabrikanten, die für sechs Generationen Rettung und Unglück zugleich bereithält.

Pressestimmen: „Mit ihrer Familiensaga entzückt Nino Haratischwili nicht nur Kritiker, sondern auch Historiker, weil sie so akribisch recherchiert und so packend erzählt.“ (Max Moor in ARD – Titel, Thesen, Temperamente); „Nino Haratischwili hat die europäische Geschichte als Familiengeschichte neu erzählt.“ (Volker Weidermann, FAZ)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) | 15. September | Dienstag | 20 Uhr | Lipsius-Bau der SKD (Brühlsche Terrasse) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/5 Euro

Mittwoch, 16. September: Westbam liest aus „Die Macht der Nacht“

Westbam, einer der bekanntesten DJs der Welt, präsentiert seine Autobiografie „Die Macht der Nacht“ mit den letzten Wahrheiten über House, Techno und den ganzen Wahnsinn der Szene. Die Nächte beginnen oft im Morgengrauen – mitten in der Pampa am anderen Ende der Welt oder in einem Club einer angesagten Metropole. Gefeiert und getanzt wird tagelang, das ganze Leben ist eine endlose Party: laute Musik, viel Alkohol, Drogen und Sex. Mittendrin DJ Number One, Westbam, Partymacher und Philosoph der Dance-Kultur, Herrscher an den Turntables. Hier erzählt er erstmals seine verrücktesten Geschichten: wie alles begann nach der Wende in Berlin, von wilden After-Hour-Gigs im Rheinland, von Raves auf der Rennstrecke in Sao Paulo oder in Bogota vor dem Cali-Kartell. Von verpeilten Veranstaltern, verrückten Groupies und größenwahnsinnigen Szenegestalten. Ein Sittengemälde des Nachtlebens vom Ende der Achtziger bis heute.

Westbam: Die Macht der Nacht | 16. September | Mittwoch | 20 Uhr | scheune (Alaunstraße 36-40) | Vorverkauf: 12/8 Euro, Abendkasse 15/10 Euro

Mittwoch, 16. September: Iris Radisch präsentiert ihre Biografie „Camus. Das Ideal der Einfachheit“

Am Mittwoch (16. September) präsentiert Iris Radisch, die Literaturredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT, ihre Biografie „Das Ideal der Einfachheit“ über Albert Camus. Das Buch ist vielleicht die beste, auf jeden Fall die persönlichste Biografie des französischen Schriftstellers und Philosophen: Kunstvoll komponiert wie ein kubistisches Bild, voller Empathie geschrieben, jedoch ohne das Leben des großen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers zu verklären, umreißt Iris Radisch in einer wunderbaren Sprache die Lebensgeschichte des „Philosophen des Absurden“.

Zum diesjährigen Motto „Neue Welten“ des Festivals „Literatur Jetzt!“ passt bestens das „mittelmeerische Denken“ von Camus, welches die einfachen und unmittelbaren Freuden dem Prinzip Befriedigungsaufschub, das die westliche Welt in Gang hält, gegenüberstellt. Geschicklichkeit, Schlauheit, Berechnung und List stellten für dieses Denken Todsünden dar – der Mensch sollte vielmehr nach Unschuld, Naivität, Schlichtheit und Redlichkeit trachten. In Ideen wie jener einer „Mittelmeerunion“ des italienischen Philosophen Giorgio Agamben lebt diese vom „Ideal der Einfachheit“ geprägte Philosophie bis heute fort – und richtet sich nebenbei auch gegen die von Deutschland propagierte Austeritätspolitik gegenüber verschuldeten Ländern wie etwa Griechenland. Was würde Camus heute dazu sagen? Iris Radischs mit Temperament und Eleganz geschriebene Biographie zieht einen sofort in den Bann. Nach dem Krieg war Albert Camus einer der ersten entschiedenen Europäer ebenso wie ein Kritiker der Wachstumsideologie. Radischs Buch ist weit mehr als nur eine Biographie. Es taugt dazu, die Gegenwart an den gescheiterten Idealen des Dichters Camus zu messen.

Die Lesung ist eine Kooperation des Festivals „Literatur Jetzt!“ mit dem Deutschen Hygiene-Museum. Die Moderation des Abends übernimmt der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer.

Camus – Philosoph des Absurden. Iris Radisch über Leben und Werk von Albert Camus | 16. September | Mittwoch | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum (Lingnerplatz 1) | Vorverkauf und Abendkasse: 9/5 Euro

Donnerstag, 17. September: Nacht der Lesebühnen mit Paul Bokowski, Kirsten Fuchs, Roman Israel und Volker Strübing

Zur „Nacht der Lesebühnen“ präsentiert das Festival „Literatur Jetzt!“ am Donnerstag (17. September) zum inzwischen siebten Mal vier herausragende Vertreter der komischen und satirischen Literatur. Passend zum diesjährigen Thema „Neue Welten“ werden sie diesmal in ihren Geschichten in fremde und fantastische Welten vorstoßen und sich den großen Fragen der Zukunft widmen – aber gewiss nicht ohne Witz und Ironie. Mit dabei sind eine Autorin und drei Autoren von verschiedenen deutschen Lesebühnen: Paul Bokowski, Kirsten Fuchs, Roman Israel und Volker Strübing.

Paul Bokowski liest bei den Berliner Lesebühnen „Brauseboys“ und „Fuchs & Söhne“. In seinen hochkomischen Geschichten erzählt er gerne aus dem Leben in Berlin, spürt aber auch seinen polnischen Wurzeln nach. Sein Buch „Hauptsache nichts mit Menschen“ wurde zum Bestseller, jüngst erschien seine neue Geschichtensammlung „Alleine ist man weniger zusammen“ bei Manhattan. Kirsten Fuchs war Autorin zahlreicher Berliner Lesebühnen, zurzeit leiht sie der Lesebühne „Fuchs & Söhne“ sogar ihren Namen. Mit ihren Geschichten und Romanen über die Wirrnisse des Alltags und der Leidenschaft hat sie eine große Fangemeinde gewonnen. Regelmäßig veröffentlicht sie zurzeit Texte in „Das Magazin“, ihr jüngster Roman „Mädchenmeute“ wurde auch von der Kritik sehr gelobt. Roman Israel ist Gründungsmitglied der Dresdner Lesebühne „Sax Royal“, lebt inzwischen aber in Leipzig, wo er auch bei der „Lesebühne West“ liest. Seine Gedichte und Geschichten zeichnen sich durch genaue Beobachtung und abgründigen, grotesken Humor aus. Sein erster Roman „Caiman und Drache“ erschien 2014 und fand ein positives Echo. Volker Strübing aus Berlin war nicht nur lange Jahre Autor der Lesebühnen „LSD“ und „Chaussee der Enthusiasten“, sondern auch auf den Bühnen des Poetry Slam erfolgreich, wo er mehrere Meistertitel erringen konnte. Unter seinen zahlreichen Büchern befindet sich auch der komische Science-Fiction-Roman „Das Paradies am Rande der Stadt“.

Nacht der Lesebühnen: Paul Bokowski, Kirsten Fuchs, Roman Israel und Volker Strübing | 17. September | Donnerstag | 20 Uhr | scheune (Alaunstraße 36-40) | Vorverkauf: 7/5 Euro, Abendkasse 8/6 Euro

Freitag, 18. September: Lyrik ist Happening mit Anne Munka, Andre Rudolph und Rike Scheffler

In der umtriebigen deutschen Lyrikszene gibt es seit einiger Zeit zwei neue Trends: die Wiederentdeckung der Performance und die Öffnung des Genres zur Musik. Das von der Leipziger Musikerin Anne Munka erdachte und in Dresden längst etablierte Format „Lyrik ist Happening“ ist ein schönes Beispiel für diese neuen poetischen Welten – und interpretiert die enge Verwandtschaft von Gedicht und Gesang auf ganz eigene Art und Weise.

Bei der Spezialausgabe dieses Poetry Jams zum Festival „Literatur Jetzt“ am Freitag (18. September) gestalten die beiden Lyriker Andre Rudolph (Leipzig, luxbooks) und Rike Scheffler (Berlin, kookbooks) zusammen mit Anne Munka und den Klangkünstlern Clemens Litschko (Drums) und Robert Lucaciu (Bass) Gedichte zu Hör- und Schaustücken. Dabei beziehen sie auch die besondere Atmosphäre des Ortes und das Publikum mit ein. Statt der klassischen Lesung ist im Zentralwerk ein Format zu erleben, bei dem die Interaktion von Literatur und Musik sowie Künstlern und Zuhörern im Mittelpunkt steht.

Lyrik ist Happening. Poetry Jam mit Anne Munka, Andre Rudolph, Rike Scheffler  | 18. September | Freitag | 20 Uhr | Zentralwerk (Riesaer Str. 32) | Vorverkauf: 7/4 Euro, Abendkasse 8/6 Euro