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Rückblick: Unser Festival „Literatur Jetzt!“ 2018

Das Festival „Literatur Jetzt!“ fand vom 4. bis zum 14. November 2018 im zehnten Jahr seines Bestehens zum zweiten Mal in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum statt – diesmal parallel zur Sonderausstellung „Shine on me. Wir und die Sonne“. Wie die Ausstellung umkreiste auch das Festival die Sonne als das lebensspendende, potenziell aber auch zerstörerische Zentrum unseres Kosmos, zugleich als ein grandioses poetisches, religiöses und politisches Symbol, als Sinnbild einer Kraft, die über alles menschliche Maß hinausgeht. Im Dialog von Literatur, Solarforschung und Kulturwissenschaft erkundete das diesjährige Literaturfest den Raum zwischen Utopie und Untergang, zwischen dem Alltäglichen und dem Spektakulären, das sich immer aufs Neue unter der Sonne vollzieht.

„Literatur Jetzt!“ bot im Jahr 2018 mehr als zwanzig Veranstaltungen verschiedenster Art mit mehr als 40 Autorinnen, Autoren und weiteren Mitwirkenden. Leider musste das Literaturfest in diesem Jahr einige Absagen verkraften, so die von Nora Gomringer und Uwe Timm. Die Veranstaltungen stießen nichtsdestotrotz auf großes Interesse bei den Dresdnerinnen und Dresdnern, sodass das Festival am Ende insgesamt mehr als 2000 Besucher begrüßen konnte.

Am Sonntag, den 4. November wurde das Festival – nach den Eröffnungsreden von Vertretern der Stadt (Annekatrin Klepsch), der Kulturstiftung des Freistaates (Dr. Manuel Frey) und des Festivals (Volker Sielaff) – mit einem exklusiv von dem Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge zusammengestellten Abend unter dem Titel „Dresden“ im Deutschen Hygiene-Museum eröffnet. Die Schauspielerin Corinna Harfouch und Büchner-Preisträger Marcel Beyer lasen Texte des 86-jährigen, daneben wurden zahlreiche experimentelle Filme von Alexander Kluge gezeigt. Bei den Filmen handelte es sich um Werke, in denen diverse Szenen montageartig nebeneinandergestellt werden, um auf Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Der Zuschauer konnte versteckte Bezüge entdecken. Zu sehen war unter anderem der Streifen „Tiere im Bombenkrieg“ sowie ein Film zu der Inszenierung der Oper „Erdbeben. Träume“ von Toshio Hosokawa nach einem Libretto von Marcel Beyer an der Staatsoper Stuttgart. Harfouch und Beyer lasen sodann Texte Kluges, die sich mit Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ (1807) auseinandersetzen. Hinzu kamen andere Texte, so etwa über Heiner Müller oder eine Expedition ins Hochgebirge, immer ging es dabei um den menschlichen Faktor, der im Mittelpunkt von Kluges Opus Magnum, der „Chronik der Gefühle“, steht. Das Publikum zeigte sich sehr dankbar, eine Ausnahmeschauspielerin wie Corinna Harfouch zusammen mit dem Autor Marcel Beyer einmal live zu erleben. Dieser Eröffnungsabend des Festivals, dem fast 300 Zuschauer folgten, mehr war als nur unterhaltsam.

Mit Denis Scheck – Autor, Übersetzer, aber vor allem Literaturkritiker – war am 5. November im Deutschen Hygiene-Museum eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Literaturbetriebs erstmals zu Gast in Dresden. Er nahm die knapp 150 Gäste mit auf einen 90-minütigen Parforceritt durch mehr als 40 Neuerscheinungen des Herbstes 2018: von Philipp Roth über Svenja Flaßpöhler bis zu Davis Foster Wallace. Scheck präsentierte sich nicht nur als passionierter Leser, sondern auch als erstklassiger Entertainer. Wie ansteckend seine Begeisterung wirkte, zeigte sich an einem nahezu leergekauften Büchertisch. Fortsetzung folgt!

Am 6. November stellte der Schriftsteller Georg Klein unter Moderation der Literaturkritikerin Katrin Schumacher im Deutschen Hygiene-Museum seinen Science-Fiction-Roman „Miakro“ vor, mit dem er 2018 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Er entführte die Zuhörinnen und Zuhörer in eine geheimnisvolle Untergrundwelt, die keinen Sonnenstrahl kennt. In dem labyrinthischen Bürokomplex, in dem Kleins dystopische Geschichte spielt, sitzen die arbeitenden Männer an Glastischen und werden rundum versorgt mit Nahrung, die sie direkt aus den organischen Wänden herauszupfen. Das geregelte Arbeitsleben gerät ins Wanken, als sich eine kleine Expedition auf den Weg in die Außenwelt begibt. Ein fantastischer Roman über die Zukunft der Digitalgesellschaft.

Am 7. November fand im Deutschen Hygiene-Museum ein Klassiker des Festivals „Literatur Jetzt!“ statt: der lyrische Abend unter dem Titel „Museum der Poesie“. Wie üblich fanden die Lesungen inmitten einer Ausstellung, diesmal der Sonderausstellung „Shine on me – Wir und die Sonne“, statt. Moderator Volker Sielaff begrüßte das mit Klapphocker und Audiogerät ausgestattete Publikum im Eingangsbereich der Ausstellung, dann folgten alle den Saxophonklängen von Musiker Richard Ebert, der als eine Art Scout die Zuhörer zu den drei Leseorten führte, in die Ausstellungsräume. Neben einer großen Glasvitrine mit einem ausgestopften Löwen trug Artur Becker, Sohn polnisch-deutscher Eltern, mit großer Prägnanz seine Gedichte vor, bevor es weiter ging zu Lütfiye Güzel, die in ihren Versen davon erzählt, wie ein fragiles Ich sich in der harten Realität der Großstadt behauptet. Zuletzt las Ron Winkler surreale Gedichte von seltener Grazilität, und das Publikum dankte den drei Autoren und dem Musiker des Abends mit herzlichem Beifall. Nach der Lesung bestand die Möglichkeit, sich noch in aller Ruhe in der Ausstellung umzusehen, davon wurde reichlich Gebrauch gemacht. Der Klassiker des Festivals überrascht jedes Mal aufs Neue – und lebt!

Am 8. November begegneten sich im Deutschen Hygiene-Museum die Astrophysikerin und Wissenschaftsjournalistin Sibylle Anderl und der Schriftsteller Thomas Lehr. Sibylle Anderl eröffnete, nach kurzer Begrüßung durch Moderator Thomas Geiger, den Abend mit einem kurzen Impulsvortrag zum Thema Sonne, inklusive Projektionen auf einer Videoleinwand. Danach sprach Thomas Geiger mit ihr über ihre Arbeit am Institut de Planétologie et d’Astrophysique de Grenoble sowie über ihr Buch „Das Universum und ich“. Thomas Lehr las sodann aus seinem Roman „Schlafende Sonne“ eine Passage, bevor die Wissenschaftlerin und der Schriftsteller miteinander ins Gespräch kamen. Es ging um Schwarze Löcher, die Lebensdauer der Sonne und die unterschiedlichen Arten des Schreibens in Wissenschaft und Literatur. Ein kurzweiliger Abend über unvorstellbare Dimensionen und unseren Heimatstern, die Sonne. Etwa 50 Besucher lauschten Vortrag, Gespräch und Lesung.

Bei der traditionellen „Nacht der Lesebühnen“ erlebte das Publikum am 8. November in der Scheune wieder vier der besten Vertreter der satirischen und komischen Literatur aus dem deutschsprachigen Raum. Die Titanic-Redakteurin Ella Carina Werner, Autorin der Hamburger Lesebühne „Liebe für alle“, entführte die Zuhörer u.a. nach Finnland und schilderte die Gründung einer Frauen-Punkband. Maik Martschinkowsky von der Berliner „Lesedüne“ las Texte, in denen das Private seine politische Dimension zeigte, so zum Bespiel in der Geschichte einer Selbstporträtierung im Fotoautomaten. André Herrmann von der Leipziger Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ hatte vor allem Geschichten aus seiner wenig sonnigen Heimat Sachsen-Anhalt mit dabei. Ivo Lotion von der Lesebühne „LSD – Liebe statt Drogen“ sorgte schließlich mit seinen unnachahmlich gesungenen Liedern, etwa über Hipster in Schwedt an der Oder, für Begeisterung beim Publikum. Etwa 100 Zuschauer hatten den Weg in die Scheune gefunden und verließen sie mit einem Lächeln im Gesicht.

Am 9. November präsentierte unser Festival in Zusammenarbeit mit der American Academy in Berlin und der TU Dresden im Deutschen Hygiene-Museum eine Veranstaltung zum Thema „Afrofuturism“ in englischer Sprache. Die Kulturwissenschaftlerin Priscilla Layne stellte zunächst mit einem Vortrag das Konzept des Afrofuturismus vor, die Aneignung und Weiterentwicklung von futuristischen Kunstformen durch schwarze Künstler und Künstlerinnen. Sie schilderte auch verschiedene wissenschaftliche Interpretationen des Phänomens. Der kosmopolitische und mehrsprachige Poet Philipp Khabo Koepsell präsentierte danach einige seiner Gedichte und sprach mit Priscilla Layne über den Einfluss des Afrofuturismus auf sein Werk.

Wo ist in Dresden eigentlich die junge Literaturszene zu Hause? Eine zuverlässige Adresse ist das Hole of Fame, wo seit zwei Jahren regelmäßig die Lesereihe Ostkap junge Autorinnen und Autoren präsentiert. Am 9. November bot unser Festival „Literatur Jetzt!“ der Reihe die Gelegenheit, sich auch im Deutschen Hygiene-Museum zu präsentieren. Initiator Tim Preuß, der zusammen mit Marvin Neidhardt moderierte, hatte für den Abend ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt: mit Luna Ali, Laura Bärtle und Yannic Han Biao Federer. Während Ali und Bärtle aus unveröffentlichten Manuskripten lasen, stellte Federer Auszüge aus seinem Debütroman vor, der im Februar 2019 bei Suhrkamp Nova erscheint. Auf Gespräche und Publikumsfragen hatten die Gastgeber des Abends bewusst verzichtet. Die Texten sollten für sich sprechen – und das taten sie.

Die Veranstaltungen am Sonnabend, den 10. November, begannen mit dem „Reportagen“-Abend mit Esther Göbel und Juliane Schiemenz unter dem Titel „Über das Reisen als Erfahrung“. Das Schreiben ist eine Kunstform, die nicht allein in den Genres der Literatur ihren Platz findet. Auch der Journalismus hat seine eigene sprachliche Ausdruckskraft, dem sich der Abend mit dem Magazin „Reportagen“ und zwei seiner Redakteurinnen widmete. „Reportagen“ mit Sitz in der Schweiz und in Deutschland ermöglicht seinen Autoren und Autorinnen, ihre gleichnamige Kunst in einem selten gewordenen Rahmen auszuüben: Für eine spannende Geschichte entsendet es Schreibende wie Esther Göbel und Juliane Schiemenz um den Globus und gibt ihnen die Möglichkeit, vor Ort in die Lebenswelt ihrer Recherchen einzutauchen. Heraus kommen dabei Geschichten von Substanz, die faszinierend zum (Vor-)lesen sind – und über ihre Anekdoten zu politischen Diskussionen einladen. Der Abend am Deutschen Hygiene-Museum führte die Besucher und Besucherinnen so in die Kleinstädte des mittleren Westens der USA, wo Juliane Schiemenz sich auf die Argumentationen und die Schießübungen von Schusswaffennarren und ihrer Lobby einließ. Weiter ging die journalistische Reise in Saudi-Arabiens Szene von Start Ups und Partys, auf denen Esther Göbel mit jungen Frauen über ihre Vorstellungen weiblicher Emanzipation sprach.

Im Anschluss stellte der mit dem ARTE-Filmpreis ausgezeichnete Dokumentarfilmer Frank Wierke stellte im Hörsaal des Deutschen Hygiene-Museums seinen neuen Streifen „Solreven – Der Sonnenfuchs“ vor. Es geht darin um einen der namhaften Dichter Norwegens, Kjartan Hatloy, und um die Landschaft am Sognefjord, in der er lebt und arbeitet. In ausdrucksstarken Bildern mit nur wenigen Schnitten kreist Wierkes ca. 45 Minuten langer Film außerdem um das Denken dieses Dichters, seine Sicht auf die Welt. Im Anschluss an die Vorführung beantwortete der Filmemacher noch einige Fragen des Moderators Volker Sielaff zum Produktionsprozess: die langsame Annäherung an die von ihm porträtierte Person, die zahlreichen Begegnungen mit dem Dichter, welche dem eigentlich Filmen vorausgingen.

Lucy Fricke hat mit „Töchter“ zweifellos eines der unterhaltsamsten und charmantesten Bücher des Jahres 2018 vorgelegt. Am 10. November präsentierte sie es den Dresdnerinnen und Dresdnern im Deutschen Hygiene-Museum. In dem Roadnovel brechen zwei Frauen Anfang vierzig zu einer Reise in die Schweiz auf – mit einem todkranken Vater auf der Rückbank. Ihre Gespräche oszillieren zwischen Tief- und Frohsinn, ihre Haltung zum Leben zwischen Sarkasmus und trotzigem Lebensmut. Im Gespräch mit Moderator Jörg Schieke erzählte Lucy Fricke charmant von den Schwierigkeiten eine Schreibexistenz zu führen, von der Entstehungsgeschichte des Romans – und sie erklärte, warum der Verlag in letzter Minute von „Väter“ in „Töchter“ umbenannt wurde.

Den literarischen Abschluss der Veranstaltungen am 10. November im Deutschen Hygiene-Museum bildete der Poetry Slam „Zur Sonne!“. Beim modernen Dichterwettbewerb kämpften sechs Poetinnen und Poeten mit ihren Geschichten und Gedichten um die Gunst des Publikums. Die Texte wurden von Dolmetscherinnen des Netzwerks „Vigevo“ live für Gehörlose in Gebärdensprache übersetzt, auch das hörende Publikum war von dieser Arbeit begeistert. Auf höchst unterschiedliche Weise setzten die Autorinnen und Autoren das Thema „Sonne“ um: ganz direkt der Hallenser Schriftsteller Christian Kreis mit einer Glosse über die Sonne als Realität und Symbol, der Berliner Kollege Uli Hannemann mit einem trostreichen Ausblick auf das Sterben unseres Sterns in einigen Milliarden Jahren und Dominik Bartels aus Helmstedt mit einer Erzählung über das Sonnenbaden am Strand. Die Poetin Marie Sanders entführte in ihren Texten die Zuhörer in die Ferne, der Dresdner Dichter Stefan Seyfarth zog in seinen Gedichten das Kneipendunkel der Sonne vor. Und Jacinta Nandi ließ das Publikum an einem ausgedehnten Tagesspaziergang mit ihrem Kind teilhaben. Am Ende entschieden sich die etwa 200 Zuschauer per Applaus für einen Gewinner: Dominik Bartels.

Bei einer Sonntagsmatinee am 11. November präsentierte die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky vor etwa 100 Gästen ihr neues Werk „Verzeichnis einiger Verluste“. Unsere Erinnerung steht im Zentrum der Erzählungen, die Judith Schalansky in ihrem neuen Band versammelt. Familiengeschichte verknüpft sich hier mit der des Endes der DDR, die plötzlich auch ausgestorben oder verschollen erscheint wie die Tiere und Inseln aus Schalanskys Geschichten. Dass sich all diese Erinnerungen, dieses Fabulieren und die Gedächtnislücken aber besonders an der Suche von Greta Garbo nach einem Taschentuch auf den vollen Straßen von Manhattan erzählen lassen, zeigen die bewegten Zuschauerreaktionen auf diese tragische wie urkomische Geschichte. Im Gespräch berichtete Judith Schalansky außerdem von ihrem jahrelangen Rechercheprozess für ihre Erzählsammlung, von literarischen Referenzen und Vorbildern für das Schreiben von weiblicher Erfahrung. Welche besondere Bedeutung die Gestaltung ihrer Bücher für sie einnimmt, erfuhr einmal mehr, wer sich im Anschluss an die Lesung seine Ausgabe mit filigranen Stempeln und Signatur versehen ließ.

Der Rest des Tages gehörte als „Familiensonntag“ im Hygiene-Museum den jungen Besuchern und ihren Eltern. Unter der Überschrift „Wunder Sonne“ konnten sich die Besucherinnen und Besucher des Museums den ganzen Tag mit dem Thema Sonne befassen, ob im Rahmen von Führungen in der Sonderausstellung „Shine on Me“ oder bei kreativen Angeboten und Experimenten in der Sonnenwerkstatt, die in der Empfangshalle vom Museum eingerichtet wurde. Als literarisches Highlight für das junge Publikum ab fünf Jahre las Ulrich Wenzke, Schauspieler am TJG-Theater Junge Generation, zweimal aus Otfried Preußlers Klassiker „Das kleine Gespenst“. In seinem Kinderbuch erzählt Preußler, dass das kleine Gespenst sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal bei Sonnenlicht die Welt zu sehen. All seine Versuche, nach dem Ende der Geisterstunde wach zu bleiben, schlagen allerdings fehl, bis er eines Tages seinem Wunsch doch näher kommt mit allen Folgen, die dies nach sich zieht.

Alle Fotografien dieses Rückblicks: Peter R. Fischer