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Literatur Jetzt! 2016 – „Wir müssen reden“ – ein Rückblick

Vom 6. bis zum 13. November 2016 fand zum achten Mal „Literatur Jetzt!“, das Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden, statt. Zum ersten Mal veranstaltete nicht allein der Livelyrix e.V. das Literaturfest, Kooperationspartner war im Jahr 2016 das Deutsche Hygiene-Museum. Unter dem Motto „Wir müssen reden“ widmete sich das Festival dem Thema Sprache in allen seinen Facetten, passend zur Sonderausstellung „Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten“, die vom 24. September 2016 bis zum 20. August 2017 im Hygiene-Museum zu sehen ist. „Literatur Jetzt! 2016“ war so umfangreich, vielfältig und erfolgreich wie noch keine Ausgabe des Festivals zuvor: Über 20 Veranstaltungen mit mehr als 40 Autorinnen und Autoren zogen insgesamt etwa 2500 Besucher an. Möglich wurde dieser Erfolg durch die Förderung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank sowie durch weitere Förderer einzelner Veranstaltungen.

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Zur Eröffnung des Festivals am 6. November durfte „Literatur Jetzt!“ erstmals eine Trägerin des Literaturnobelpreises begrüßen: die Schriftstellerin Herta Müller. Etwa 500 Gäste erlebten den Auftakt des Literaturfestes. Direktor Klaus Vogel für das Deutsche Hygiene-Museum und der Dresdner Autor Volker Sielaff für das Team von „Literatur Jetzt!“ begrüßten das Publikum und dankten den Förderern des Festivals, bevor Herta Müller die Bühne betrat. Im Gespräch mit ihrem langjährigen Freund und Kollegen, den Schriftsteller und Übersetzer Ernest Wichner aus Berlin, berichtete Herta Müller über ihren „Worthunger“ und ihre „Rettung durch Sprache“. Dabei ging es besonders um ihre Kindheit im rumänischen Banat und ihr Leben in der Ceaucescu-Diktatur. Sodann las Herta Müller aus ihrem neuen Buch „Mein Vaterland ist ein Apfelkern“ und aus ihrem Bestseller „Atemschaukel“ einige Passagen. Zum Schluss stellte die Autorin noch einige ihrer Collage-Gedichte aus dem Band „Vater telefoniert mit den Fliegen“ vor. Diese wurden großflächig auf eine Leinwand projiziert, um das Publikum auch in den Genuss der visuellen Wirkung dieser Texte kommen zu lassen. Ein denkwürdiger und sehr intensiver Auftakt des Festivals.

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Am 9. November widmete sich das Festival dem Zusammenhang von Sprache und Macht mit einer Diskussion unter dem Titel „Wie viel Streit braucht die Demokratie?“ zwischen dem Schweizer Dramatiker, Romancier und Essayisten Lukas Bärfuss und Jürgen Kaube, dem Feuilleton-Chef und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Gespräch wurde moderiert durch Dagmar Ellerbrock, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Dresden mit Schwerpunkt Gewaltforschung. 250 Gäste verfolgten eine angenehm krawallfreie und sachliche Diskussion. Beide Gesprächspartner beklagten eine mangelhafte Diskussionskultur in der Gegenwart, in der es weniger um den Austausch von Argumenten als um die Verächtlichmachung und Ausgrenzung des Gegners gehe. Die Unehrlichkeit von verbalen Schaukämpfen und Propagandafeldzügen zeige sich in der Phrasenhaftigkeit und Verlogenheit der politischen Gegenwartssprache. Auf unterschiedliche Weise plädierten sowohl Lukas Bärfuss als auch Jürgen Kaube für eine Rückkehr zum offenen, aber auch respektvollen Streit.

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Am 10. November fand in der Scheune vor etwa 50 Gästen die traditionelle „Nacht der Lesebühnen“ statt, die von Anfang an zum Programm des Festivals gehört. Es lasen vier Autoren von verschiedenen Lesebühnen aus der ganzen Republik, die sich der komischen und satirischen Literatur verschrieben haben. Der zurzeit im Hamburg beheimatete Schriftsteller Anselm Neft widmete sich in seinen Geschichten auf humorvolle Weise den gesellschaftlichen Konflikten der Zeit. So sprengte etwa einer seiner Protagonisten eine rechte Demonstration erfolgreich durch den Aufruf zur körperlichen Liebe. Jacinta Nandi aus Berlin beschrieb in ihren Texten die Erlebnisse einer englischen Immigrantin in Deutschland und das anhaltende Befremden in der deutschen Gesellschaft. Humorvoll zeigte sich Christian Bartel aus Bonn, der unter anderem vom zerstörerischen Einfluss des Alkohols auf die Sprachfähigkeit erzählte. Der Liedermacher Elis aus Frankfurt am Main wiederum beschäftigte sich besonders mit der Sprachlosigkeit, in die Liebende allzuoft versetzt werden. Das erheiterte wie bewegte Publikum blieb anschließend noch lange zum Gespräch mit den Autoren am Büchertisch.

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Ebenfalls am 10. November fand im Deutschen Hygiene-Museum gleichzeitig der Deutsch-Arabische Lyriksalon statt, eine Veranstaltungsreihe von Gastgeber Fouad EL-Auwad, die im Rahmen von „Literatur Jetzt!“ erstmals in Dresden gastierte. Erfreulicherweise waren unter den etwa 70 Besuchern nicht nur deutsche Freunde der Poesie, sondern auch zahlreiche arabische Gäste, unter ihnen auch geflüchtete Menschen. Auch bei den Autoren war die Lesung eine Begegnung der Kulturen: Zu hören waren zwei deutsche (Kerstin Becker, Joachim Sartorius) und zwei arabische (Mohamad Alaaedin Abdul Moula, Fouad EL-Auwad) lyrische Stimmen. Begleitet wurden sie von dem Musiker Thabet Azzawi an der Oud.

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Der 11. November begann im Deutschen Hygiene-Museum mit dem aktuellen Dresdner Stadtschreiber Peter Wawarzinek, der Notizen aus seiner Arbeitsmappe las. Vor etwa 70 interessierten Gästen ließ er seiner Leidenschaft fürs Erzählen die Zügel schießen, berichtete von den Eindrücken, die er in Dresden gewonnen hatte, und beanwortete Fragen der Journalistin Karin Großmann von der Sächsischen Zeitung.

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Bei der folgenden Veranstaltung stand der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer im Mittelpunkt, nicht nur ein soeben mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichneter Autor, sondern auch ein langjähriger Freund und Förderer des Festivals „Literatur Jetzt!“. Seine Rede „Es kommt ein A“ beschäftigte sich mit den Wechselverhältnissen von Klang- und Zeichenhaftigkeit sowie von Logik und Zufälligkeit, welche die Sprache auszeichnen. Durch die Mitwirkung der Gruppe AUDITIVVOKAL DRESDEN nach einer Komposition von Manos Tsangaris wurde die Rede zum Sprech- und Gesangsstück erweitert, Inhalt und Form miteinander in Resonanz gesetzt.

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Mit etwa 500 Gästen zählte der Poetry Slam zu den erfolgreichsten Veranstaltungen des Festivals. Moderator Michael Bittner begrüße vier Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen Stilen zum modernen Dichterwettstreit. Da war zunächst Bas Böttcher, einer der erfahrensten Slam-Poeten der Republik, der mit seinen sprachspielerischen und gekonnt vorgetragenen Gedichten unmittelbar Bezug auf das Thema des Festivals nahm. Die junge Berliner Autorin Zoe Hagen berichtete in ihren Geschichten auf zugleich witzige und anrührende Weise von ihren Erfahrungen als Afrodeutsche. Der Autor Kaleb Erdmann aus Frankfurt am Main widmete sich in seinen satirischen Texten den sprachlichen Heucheleien der gegenwärtigen Gesellschaft. Die Poetin Franziska Holzheimer aus Wien schließlich machte in ihren Gedichten die Freuden und Qualen der Liebe durch Sprache erfahrbar. Zum Gewinner wählte das Publikum am Ende dann per Applaus: Kaleb Erdmann.

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Am 12. November bespielte das Festival vom Nachmittag an bis in die Nacht hinein das ganze Hygiene-Museum mit verschiedensten Veranstaltungen und verwandelte es so in einen Ort der Begegnung zwischen Autoren und Lesern verschiedenster Art, die sich in der Festival-Lounge im Foyer des Museums begegneten und ganz am Ende des Tages noch den DJ-Set von uncanny valley soundsystem lauschten.

Im Dialog-Salon unter dem Titel „Zur Sprachähnlichkeit von Musik“, einer Veranstaltung in Kooperation mit dem KlangNetz Dresden, unterhielten sich der Schriftsteller Marcel Beyer, Manos Tsangaris, Komponist und Professor für Komposition an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden sowie Martin Rohrmeier, Professor für Systematische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Musikkognition an der TU Dresden. Das Gespräch moderierte Prof. Dr. Alice Staskowa, Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Den musikalischen Part übernahmen Carl Thiemt (Countertenor) und Hans-Ludwig Raatz (Cellist). Etwa 120 Gästen lauschten dem anspruchsvollen Gespräch über das Verhältnis von musikalischer und wörtlicher Sprache.

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Im Hörsaal des Museums präsentierte vor etwa 70 Gästen der Übersetzer Frank Günther seine Lecture-Performance „Abenteuerliche Reise in Shakespeares Sprachwunderwelten“. Günther, der als erster Deutscher sämtliche Dramen Shakespeares übersetzt hat, machte die Zuhörer auf humorvolle Weise mit den Freuden und Mühen des Übersetzerhandwerks vertraut. Besonders führte er anschaulich vor Augen, wie lange Shakespeares erotische Sprache von prüden Übersetzern den deutschen Lesern vorenthalten wurde.

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Im Kleinen Saal des Museums sprach vor etwa 30 Gästen der bekannte Literaturkritiker und Publizist Michael Braun über Hugo Ball, Avantgarde und Katholizismus. Seine These: Wer in dem Dadaisten Ball nur einen Provokateur der Avantgarde sieht, nicht aber den religiösen Mystiker, der seiner katholischen Prägung immer verhaftet blieb, irrt. Im Gespräch mit Volker Sielaff wurde Braun zudem als Herausgeber des alljährlich erscheinenden „Lyrik-Taschenkalenders“ vorgestellt.

„Museum der Poesie“ hieß das vielleicht innovativste Format des diesjährigen Festivals. Drei Dichter – Els Moors aus Belgien mit ihrer deutschen „Stimme“ Undine Materni, José F. A. Oliver aus Hausach und Ulrike Feibig aus Leipzig – trugen inmitten der Ausstellung „Sprache“ des Deutschen Hygiene-Museums auf performative Art ihre Gedichte vor, begleitet von dem Saxophonisten Mark Weschenfelder, der die etwa 50 Besucher in der Art eines „Stationendramas“ durch die Ausstellung und zu den einzelnen Leseorten der Dichter führte. Poesie im Spannungsfeld von minimalistischer Gestik (Feibig), leidenschaftlichem Gesang (Oliver) und zweisprachiger Lesung (Moors und Materni). Am Nachmittag bereits hatten die drei Lyriker, zusammen mit dem Dresdner Schriftsteller Volker Sielaff und moderiert von Michael Braun, vor zahlreichen interessierten Lesern in der Galerie im Zwischengeschoss ihre Lieblingsbücher zur Lektüre empfohlen. Eine entspannte, inspirierende Runde unter dem Titel „Bücher, die (mir) die Welt bedeuten“, die zum Lesen oder Wiederlesen der Bücher von Heinrich Heine (Els Moors), Ilija Trojanow (Oliver), Helga M. Novak (Feibig) und Olav H. Hauge (Sielaff) anregen wollte.

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Die Verbindung von literarischem und philosophischen Schreiben suchte das Festival im Format des Theorie-Slams am Samstagabend, bei dem die Publikation „Absolute Gegenwart“ aus dem Merve Verlag von vier Autorinnen und Autoren des Bandes (Jeanne Bindernagel, Marcus Quent, Stefan Heidenreich und Michael Hirsch) vorgestellt und deren Analysen mit dem Publikum diskutiert wurden. Trotz später Stunde kam in der Empfangshalle des Museums ein theorieaffines Publikum zusammen, um bei einem Glas Wein über die Möglichkeiten zu sprechen, in der aktuellen politischen Situation neue ökonomische, politische und künstlerische Zukunftsentwürfe unserer Gesellschaft zu entwickeln.

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Am 13. November endete das Festival im Deutschen Hygiene-Museum mit einem Familientag unter dem Motto „Sonntagsgeschichten“, der ein vielfältiges Programm besonders für Kinder und Jugendliche bot: kostenlose Führungen, Spiele, zwei Poetry-Slam-Workshops mit dem Poeten Bas Böttcher, das Tanztheaterstück „Kathy im Wunderland“ von Katja Erfurth sowie die Lesung von Annika Reich aus ihrem Kinderbuch „Lotto, macht was sie will“. Auch an Erwachsene richtete sich darüber hinaus die Lesung von Bov Bjerg, der nicht nur aus seinem Erfolgsroman „Auerhaus“ las, sondern auch seinen neuen Geschichtenband „Die Modernisierung meiner Mutter“ vorstellte.

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Zum Abschluss des Festivals las sodann am 13. November der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hanns-Josef Ortheil vor mehr als 200 Zuhörern im Deutschen Hygiene-Museum einige Passagen aus seinem Roman „Der Stift und das Papier“, in dem es darum geht, wie der Autor, begleitet von Vater und Mutter, sich das Schreiben beibrachte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der lange Zeit nicht sprach und der deshalb seinen eigenen Weg zur Sprache finden musste – eine Fortsetzung von Ortheils autobiographisch inspiriertem Roman „Die Erfindung des Lebens“. Ein passenderer Abschluss für ein Festival, das sich ganz der Sprache widmete, hätte sich schwerlich finden lassen. Wir freuen uns auf die nächste Ausgabe im Jahr 2017!

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