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Rückblick auf das Festival „Literatur Jetzt!“ im Jahr 2015

„Neue Welten“ lautete das Motto, unter dem vom 15. bis zum 20. September 2015 zum 7. Mal „Literatur Jetzt!“, das „Festival zeitgenössischer Literatur“ in Dresden stattfand. Es widmete sich in diesem Jahr jenen Autorinnen und Autoren, die über den Tellerrand von Heimat und Gegenwart blicken – in kommende Zeiten, utopische Welten oder zu entdeckende Regionen der Erde. Über 20 Künstler waren an den 8 Lesungen des Festivals beteiligt, die im Lipsius-Bau, dem Deutschen Hygiene-Museum, der scheune, dem Zentralwerk und dem Kunsthaus Dresden stattfanden. Über 900 Zuschauer besuchten insgesamt die Veranstaltungen. Noch nie war alle Lesungen gleichmäßig so gut besucht, noch nie das Festival in der Presse so präsent, sodass man ohne Weiteres von der bislang erfolgreichsten Ausgabe des Festivals „Literatur Jetzt!“ sprechen kann.

 

Organisiert wurde das Literaturfest wieder vom livelyriX e.V. in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern. Förderer waren erneut die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden und der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank. Die Programmgestaltung und Organisation lag in den Händen von Michael Bittner (Autor), Leif Greinus (Verlag Voland & Quist), Ludwig Henne (Kulturmanager), Helge Pfannenschmidt (Verlag edition AZUR) und Volker Sielaff (Autor). Die Pressearbeit übernahm Juliane Hanka. Der Festivalfotograf war Peter R. Fischer. Als Praktikantin wirkte Svenja Macht mit.

 

Das Festival wurde eröffnet am 15. September in der Kunsthalle im Lipsius-Bau der Staatlichen Kunstsammlungen durch eine Lesung von Nino Haratischwili, die ihren Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ präsentierte. Mit knapp 100 Zuschauern war die Lesung restlos ausverkauft. Moderiert wurde der Abend von Sonja Vandenrath, im Hauptberuf als Literaturbeauftragte der Stadt Frankfurt tätig. Im Gespräch mit der Autorin fragte sie u.a. nach persönlichen Hintergründen und Motiven für die Entstehung des Romans sowie nach dem Verhältnis von Fiktion, Geschichte und Realität. Haratischwili las danach eine Passage aus ihrem Buch, in der eine der Heldinnen auf den russischen Geheimdienstchef Lawrenti Beria trifft, der im Roman als „Kleiner Großer Mann“auftritt. Am Ende der knapp zweistündigen Lesung wurde die Fragerunde zum Publikum hin geöffnet, und es gab für die zahlreichen Leser und Leserinnen die Möglichkeit, sich den Roman von der Autorin signieren zu lassen. Ein gelungener Auftakt des Festivals an einem besonders schönen Ort.

 

Am 16. September fanden gleich zwei Veranstaltungen statt: In der mit weit über 200 Fans gefüllten scheune las der weltbekannte DJ Westbam aus seinem autobiografischen Buch „Die Macht der Nacht“, in dem er sein Leben seit den Anfängen von Techno und House in Deutschland in den 1980er Jahren bis heute beschreibt. Westbam erzählt die Geschichte von einer schlecht gemischten Mixkassette, die er für die erste Love Parade produzierte und die eher wenig gut bei den rund 80 Ravern ankam und von einem Rotterdamer Club, in dem er und sein Bruder von der DJ-Kanzel geführt werden mussten, da der Drogenrausch außer Kontrolle geriet. Auch eine skurrile Geschichte aus Dresden mit einem Hausschwein im Club war dabei. Dazwischen immer wieder Gedanken über die Idee von Techno und das Ziel, eine andere Gesellschaft mit Beats und Hi-Hats zu schaffen – ob dies gelungen ist, ließ Westbam offen. Nicht nur für Techno-Fans war die Abend unterhaltsam, auch weil Westbam ein klug und differenziert beschreibender Zeitzeuge der Clubkultur der letzten drei Jahrzehnte ist.

 

Derweil stellte ebenfalls am 16. September im mit weit mehr als 100 Gästen restlos ausverkauften Vorlesungssaal im Deutschen Hygiene-Museum Iris Radisch ihre Biografie „Camus. Das Ideal der Einfachheit“ dar. Die Autorin riss mit ihrer Begeisterung für den französischen Philosophen und Schriftsteller das Publikum mit, verschwieg aber auch nicht die problematischen Seiten seines Werkes, etwa sein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Besonderes Augenmerk legte Iris Radisch in ihrer Diskussion mit dem Moderator, dem Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer, auf den Zwiespalt zwischen ärmlicher Herkunft und intellektuellem Erfolg bei Camus. Das „mittelmeerische Denken“ der Einfachheit zeigte sich als lebenslange Vision des Autors, aber auch als Denkanstoß für eine alternative Ökonomie in der Gegenwart.

 

Am 17. September lud das Festival zur „Nacht der Lesebühnen“ wie in jedem Jahr Vertreter der komischen und satirischen Literatur ein. Vor etwa 150 begeisterten Zuschauern in der scheune lasen vier Vertreter verschiedener deutscher Lesebühnen. Paul Bokowski führte das Publikum mit auf abenteuerliche Reisen mit seinen Eltern. Volker Strübing widmete sich unter anderem dem Wandel unseres Lebens durch die moderne Technik. Kirsten Fuchs las neben anderen Geschichten auch einen Auszug aus ihrem aktuellen Roman „Mädchenmeute“, der Mädchen in ein geheimnisvolles Land namens Erzgebirge führt. Roman Israel ließ in seinen Geschichten mit groteskem Humor kulturelle Welten kollidieren, so etwa eine ostdeutsche Provinzfamilie mit chinesischer Küche und den tschechischen Nachbarn.

 

Am 18. September war erstmals das Zentralwerk Ort des Geschehens, ein höchst interessanter Ort in Pieschen, wo gerade eine ehemalige Fabrik in genossenschaftlicher Arbeit zum Platz für Kultur und Wohnen umgebaut wird. Der historische Ballsaal bot einen hervorragenden Raum für die lyrisch-musikalische Performance unter dem Titel „Lyrik ist Happening“, die von der Erfinderin dieses Poetry Jams, der Musikerin Anne Munka, dirigiert wurde. Gemeinsam mit weiteren Musikern gestalteten das Programm der Dichter Andre Rudolph mit Texten aus seinem Band „Blicktot, Nixe (Klaffende Tags)“ sowie die Poetin Rike Scheffler, die nicht nur las, sondern auch selbst musikalische „Looppoems“ präsentierte. Im Zusammenspiel von Dichtung und Musik an so ungewöhnlichem Ort ergaben sich wahrlich magische Augenblicke, welche die über 50 Zuhörer ganz in ihren Bann zogen.

 

Am 19. September fanden, wiederum im Zentralwerk, gleich zwei Lesungen statt, die zusammen über 100 Gäste anlockten. Zunächst las die Leipziger Autorin und Übersetzerin Heike Geißler aus ihrem viel diskutierten Buch „Saisonarbeit“, in dem sie auf sehr persönliche, zugleich literarisch anspruchsvolle Weise von ihrer Beschäftigung bei Amazon erzählte. Im Gespräch mit Moderator Helge Pfannenschmidt plädierte sie für das Recht auf „Empfindlichkeit“, gegen ein fatalistisches Kapitulieren vor dem Stumpfsinn und der Entsolidarisierung in der modernen Arbeitswelt. Die zweite Lesung des Abends bestritt Anke Stelling mit ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Bodentiefe Fenster“. Erkennbar gespeist durch eigene Erfahrungen berichtete Anke Stelling von dem Leben in einem Gemeinschaftswohnprojekt mit seinen ermüdenden Diskussionsritualen, seiner Konfliktscheu und Verlogenheit. Moderator Matthias Teiting fragte im Gespräch besonders nach dem persönlichen Konflikt der Autorin, die zugleich Bewohnerin und literarische Analytikerin eines solchen Wohnprojekts ist.

 

Das Festival endete am 20. September auf abenteuerliche Weise im Kunsthaus Dresden. Der Philosoph Helge Meves stellte sein Buch „Libertalia. Die utopische Piratenrepublik“ vor, in dem er erstmals in deutscher Sprache die Geschichte dieser demokratischen Seeräuberrepublik zugänglich machte, die Daniel Defoe zugeschrieben wird. Helge Meves las wichtige Passagen aus dem Buch, erzählte aber auch anschauliche Anekdoten aus dem Leben der Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit dem Moderator Michael Bittner und dem Publikum diskutierte der Autor über die utopische Qualität des Berichtes und die ökonomischen und politischen Hintergründe der Piraterie. Dabei eröffneten sich zugleich Durchblicke auf die nicht minder durch Menschenhandel, Krieg und rücksichtslose Handelspolitik bestimmte Gegenwart. Zugleich wurde aber auch die kritische Kraft utopischen Denkens und Schreibens erkennbar, womit das Motto des diesjährigen Festivals einmal mehr mit Leben erfüllt wurde.